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17.7.2019

Die Steigbügelhalter  01.03.2019

Wie die Politik die Arzneimittelversorgung an Amazon verhökert

"Amazon, größtes Versandhandelsunternehmen der Welt, hat zum 1. Januar 2024 mehr als 90 Prozent der Aktien der Zur Rose Group AG übernommen. Der Preis betrug rund 3,3 Milliarden Euro. Für die Aktionäre, die das Angebot von Amazon annahmen, hat sich das Geschäft gelohnt. Sie erhielten das Dreifache des Aktienkurses von zuletzt 109,50 Euro. Da somit auch das Tochterunternehmen DocMorris jetzt zu Amazon gehört, wird Amazon auf einen Schlag zum größten Arzneimittelversandkonzern Europas." Fake? Aber ja.

 

Noch ist das nicht passiert. Aber so ähnlich könnte eine Nachricht im Wirtschaftsteil der großen Tageszeitungen nach einer solchen Übernahme aussehen. Dass wir auf dem besten Weg dorthin sind, ist nicht zu bestreiten. Zu logisch sind die Voraussetzungen für einen solchen Deal, zu deutlich die Signale der beiden Unternehmen, zu offensichtlich auch die aggressive Umsatz- und Übernahmepolitik des Arzneimittelversandhändlers DocMorris.

 

Nun ist das ja keine so ungewöhnliche Geschäftsidee. Investoren überzeugen, aggressiv werben, Umsatz pushen zu Dumpingpreisen, Konkurrenten aufkaufen, horrende Verluste machen – und am Ende mit einem Riesengewinn das Unternehmen an den Marktführer verkaufen. Oder an den, der gerne Marktführer werden möchte. Eine Strategie, so brutal wie effektiv. Mit Wirtschaftsleichen links und rechts des Weges.

 

Nun haben wir in Europa ja keine freien Märkte in dem Sinne, dass jeder machen kann, was er will. Immerhin gibt es Fusionskontrollen und Kartellämter, Monopolkommissionen und Wirtschaftsminister, die das letzte Wort haben. Aber manchmal funktionieren diese klugen Bremsvorrichtungen nicht. Wie zum Beispiel bei der deutschen Monopolkommission. Die soll zwar Monopole verhindern, spricht sich aber in ihren Jahresgutachten regelmäßig für den Arzneimittelversandhandel aus.

 

Die dramatisch wachsende Monopolisierung in Europas Arzneimittelversandhandel sehen die hochkarätigen Wissenschaftler anscheinend nicht. Hauptsache billige Preise und „Digitalisierung“. Die haben wir in Deutschland zwar weitgehend verschlafen, insbesondere im Gesundheitswesen, in den Schulen, in der öffentlichen Verwaltung. Doch diese Defizite treiben die Politiker jetzt offensichtlich umso mehr an. Jetzt heißt es handeln. Möglichst schnell und ohne Gedanken an mögliche Folgen. Alles, was sich digital gibt, kann nur gut sein. Wie kurzsichtig.

 

In der Zwischenzeit rüsten die digitalen Riesen auf. Google, Facebook, Microsoft, Amazon. Sie lassen sich nicht mehr bändigen. Dass sie zunehmend kritisch gesehen werden, stört sie nicht. Sie suchen permanent nach renditestarken Geschäftsfeldern. Wie das Sammeln und Verwerten von persönlichen Daten. Heute sind diese  Unternehmen stolze Besitzer von Billionen Daten. Daten, die ihnen Nutzerprofile unserer Lebensumstände liefern, deren Brisanz und Genauigkeit wir uns nicht vorstellen können. Daten, die wir als Nutzer und Kunden ungefragt und kostenlos geliefert haben.

 

Nun könnte man sagen, was  macht es schon, dass Amazon weiß, wann ich Schuhe kaufe. Doch Amazon speichert nicht nur den Kauf von Schuhen, Büchern und Parfum. Amazon hat sich aufgemacht, den Gesundheitssektor zu erobern. Da geht es um mehr als um die tausend kleinen und großen Dinge des täglichen Lebens, die der Versandriese jetzt schon nach Hause liefert. Es geht um das Aufrollen und Neuverteilen des Gesundheitsmarktes. Und um  Daten. Zuerst in den Vereinigten Staaten. Dann der Sprung nach Europa.

 

Diesem ehrgeizigen Projekt hat Amazon einen großen Namen verpasst: „1492“. Deutlicher konnte  der Gigant nicht sagen, wie er seine Zukunft im Gesundheitsmarkt sieht. 1492 entdeckte Columbus Amerika. Das Datum kann man auch gleichsetzen mit dem Beginn der Eroberung des amerikanischen Kontinents durch endlose Ströme von Menschen, Money und Material. Gleichzusetzen auch mit der weitgehenden Vernichtung der Ureinwohner.

 

1492 – ein Name als Programm. Amazon ließ in den letzten Jahren keinen Zweifel daran, wie ernst es dem weltweit größten Onlinehändler mit der Eroberung des Gesundheitsmarktes ist. Fachleute aus dem Gesundheitswesen wurden eingestellt, Eigenmarken mit Gesundheitsprodukten aus der Taufe gehoben, neue Dienstleistungen im Gesundheitssektor angeboten. Und Amazon ist dabei, eine eigene Krankenversicherung im Markt zu etablieren. So kommt man an Milliarden Gesundheitsdaten.

 

Mitte 2018 dann die Übernahme des amerikanischen Arzneimittelversenders „Pillpack“. Zwar kommt Pillpack nur auf 100 Millionen Dollar Umsatz. Doch dafür legte Amazon nach Medienberichten etwa eine Milliarde Dollar auf den Tisch. Den zehnfachen Jahresumsatz. Bezahlt aus der Portokasse. Denn alleine im letzten Quartal 2018 hat Amazon einen Nettogewinn von drei Milliarden Dollar gemacht. Bei einem Quartalsumsatz von 72,4 Milliarden Dollar. Umsatzplus satte 20 Prozent.

 

Damit schließt sich der Kreis. Mit ähnlich exorbitanten Umsatzsteigerungen kann auch DocMorris, der größte Arzneimittelversandkonzern Europas, aufwarten. So stieg im Jahr 2018 der Umsatz um 34 Prozent auf 581 Millionen Euro. Die Muttergesellschaft Zur Rose AG mit Sitz in der Schweiz beziffert den Umsatzzuwachs des gesamten Unternehmens im Jahre 2018 mit 20 Prozent. Und nennt diese Wachstumsrate „organisch“. Zum Vergleich: Der Apothekenmarkt in Deutschland wuchs im ersten Dreivierteljahr 2018 um weniger als 5 Prozent.

 

Wachstumstreiber für den Arzneimittelversender ist natürlich auch die Übernahme von Konkurrenten. So kaufte DocMorris 2018 die Versandapotheken aporot und medpex. Weitere Arzneiversender stehen auf der Einkaufsliste. „Konsolidierung im größten Versandmarkt Deutschland“ nennt DocMorris das. Und steigerte damit seinen Marktanteil in Deutschland auf 31 Prozent. Dabei wuchs alleine der Umsatz nicht rezeptpflichtiger Produkte um 78 Prozent. Womit der Konzern nach eigenen Angaben die „OTC-Marktführerschaft in Deutschland“ übernommen hat.

 

Die traumhaften Zahlen könnten Begehrlichkeiten wecken. Warum auch sollte Amazon beim geplanten Einstieg in den europäischen Gesundheitsmarkt bei null beginnen? Eine solche Strategie ist nicht typisch für den Versandhandelsriesen. Das sieht auch Walter Oberhänsli, Chief Executive Officer (CEO) und Gründer von Zur Rose, so. Die Möglichkeit, dass Amazon den Aktionären der Zur Rose Group AG ein Angebot zur Über­nahme ihrer Aktien macht, hält er für durchaus real.

 

Die Aktionäre müssten dann entscheiden, ob sie das Angebot von Amazon annehmen. Eine Übernah­me könne er nicht verhindern, sagte Oberhänsli in einem Interview mit „Cash“, dem größten schweizerischen Finanzportal. Und er wolle es auch nicht, wenn das Unternehmen mit einem anderen Aktionär weiter wachsen würde. Ein Angebot von Amazon – für die Aktionäre ein Traum.

 

Doch wovon träumen die Politiker fast aller Parteien, wenn sie so vehement für den Versandhandel mit Arzneimitteln eintreten? Das alles schon nicht so schlimm wird? Wie naiv ist das denn? Ein ungebremster Markt wächst von ganz alleine. Besonders dann, wenn er den berühmtberüchtigten „Mainstream“ auf seiner Seite hat. Und die veröffentlichte Meinung. Denn von welcher Tageszeitung würde der Gesundheitsminister nicht zerrissen, wenn er den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln verbieten würde?

 

Aber ein Verbot steht wohl nicht mehr zur Debatte. Jedenfalls nicht unter Spahn als Gesundheitsminister. Spahn hat den Spagat nicht gewagt. Er lässt DocMorris, dem größten europäischen Arzneiversender, seine Spielwiese mit ungebremstem Wachstum auf dem Arzneimittelmarkt. Und den Aktionären die Chance, eines Tages unter die Fittiche des Versandhandelsriesen Amazon zu schlüpfen und richtig Kasse zu machen. Die Politiker, zumal die der Grünen und der SPD, haben schon Beifall geklatscht. Fühlen sie sich wohl in der Rolle als Steigbügelhalter für kapitalkräftige Konzerne, die gewohnt sind, Märkte aufzurollen? Bei einigen Politikern der CDU und in den Ländern gibt es noch Vorbehalte. Doch das Nein zu einem Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln müssen alle Politiker gemeinsam verantworten.

 

Im offenen Meer tummeln sich die Haie. In einem ungefestigten Arzneimittelmarkt sehen finanzstarke Handelsriesen ein lukratives Betätigungsfeld. Mit der Gefahr erschreckender Auswirkungen auf die Akutversorgung der Bevölkerung. Weil eine Apotheke nach der anderen aufgeben muss. 21 Staaten der EU lassen das nicht zu. Deutschland schon. Doch so wird aus dem Traum von Digitalisierung schnell ein Alptraum.

 

2024 ist nicht mehr weit. Bis dahin werden weitere 1 500 Apotheken für immer ihre Tore geschlossen haben. Und sechs Millionen akut erkrankte Patienten werden wesentlich weitere Wege zur nächsten Apotheke gehen oder fahren müssen. Am Tag und in der Nacht.

 

Das nennt man Zerstörung der Infrastruktur. Aber darin haben wir ja Erfahrung.