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11.12.2018

Gesetze gelten für alle  01.10.2018

Oder doch nicht? Arzneimittelversand mit großen Problemen

Eigentlich war ja nichts anderes zu erwarten. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Wer sagt denn auch, dass Politik lernwillig ist? Doch Politik wird von Menschen gemacht. Aber was bewegt Politiker nicht selten dazu, das, was eigentlich für jedermann sichtbar ist, nicht zur Kenntnis zu nehmen?  Die Fakten – und seien sie noch so eindeutig – nicht in politisches Handeln umzusetzen?

 

Viele Menschen glauben, in der gesamten Politik einen Stillstand zu spüren, der sich in Reden, Forderungen und Aktionismus erschöpft. Übrigens nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen europäischen Ländern. Das treibt immer mehr Bürger in die Arme der Rechtspopulisten. Doch die etablierten „Volksparteien“ reagieren nicht. 

 

In manchen Bereichen der deutschen Gesundheitspolitik ist es nicht anders. Wie kann die Politik – um bei den Apotheken zu bleiben – die triftigen Gründe, die für ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln sprechen, so ausblenden? Und damit die ordnungsgemäße Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln immer weiter gefährden?

 

Es gibt kaum einen Bereich des öffentlichen Lebens, der gesetzlich so stark geregelt ist wie die Arzneimittelversorgung und das Apothekenwesen. Dafür gibt es gute Gründe. Denn hier steht die Gesundheit der Bevölkerung zur Disposition. Und ihre Wiedergewinnung mit Hilfe von Medikamenten und Hilfsmitteln. Zahlreiche Gesetze und Verordnungen, nicht zuletzt das Apothekengesetz und die Apothekenbetriebsordnung, und eine Kontrollinstanz durch Amtsapotheker, die bei den Gesundheitsbehörden angesiedelt sind, sorgen für einen umfassenden gesetzlichen Rahmen. Der gilt für alle Apotheken, auch für Versandapotheken.

 

Doch manche Versandapotheken kümmern sich nicht groß um die gesetzlichen Vorschriften. Zahlen können das beweisen. Die wurden kürzlich veröffentlicht. „Überprüfung der Leistungsfähigkeit des Arzneimittel-Versandhandels“ heißt die breit angelegte Untersuchung von Prof. Andreas Kaapke (Duale Hochschule Baden-Württemberg). Dazu wurden von einhundert Testpersonen insgesamt vierhundert Testbestellungen bei neun deutschen und ausländischen Versandapotheken durchgeführt.

 

Die Bestellungen bei den Versandapotheken waren nicht bewusst kompliziert angelegt. Sie spiegelten Bestellvorgänge wider, wie sie jeden Tag bei allen Versandapotheken eintreffen. Getestet wurden einerseits so normale Parameter wie Zeitaufwand für die Suche nach Präparaten, Transparenz des Bestellvorgangs, Lieferschnelligkeit und Retourenverhalten, andererseits die Erfüllung wichtiger gesetzlicher Vorgaben.

 

Technisch gesehen war die Qualität des Bestellablaufs eher unterdurchschnittlich, gemessen an den „Leitfirmen“ des Versandhandels wie Amazon. Jede siebte Testperson fand die Suche nach Präparaten teils, eher oder sehr schwierig. In den Bestellbestätigungen vermissten zwei Drittel aller Testpersonen wichtige Informationen, insbesondere zur Lieferzeit. Die wurde nur in 11 Prozent der Bestätigungen genannt. Bei knapp 20 Prozent der Bestellungen konnte man die Sendung nicht auf ihrem Weg verfolgen – an sich ein Standard im heutigen Versandhandel.

 

Mit der Lieferzeit gab es ähnliche Probleme. Jedes fünfte OTC-Präparat und sogar jedes dritte Arzneimittel auf Rezept wurde erst nach vier Tagen oder später geliefert. Laut Apothekengesetz hätten die Besteller über die Lieferverzögerungen informiert werden müssen. Doch das unterblieb in den meisten Fällen. Allerdings gab es unter den einzelnen getesteten Versandapotheken durchaus Unterschiede, nicht nur in der Lieferzeit, sondern auch im gesamten Bestellablauf.

 

Doch die eigentlichen Probleme, vor denen die Gesundheitspolitik aus unbekannten Gründen die Augen verschließt, sind Verstöße gegen geltendes Recht und Gesetz. Die kommen immer wieder vor, wie  in der vorliegenden Untersuchung mehrfach dokumentiert. Denn wichtiger als alle technischen Unzulänglichkeiten ist die Verletzung der den Apotheken gesetzlich vorgeschriebenen Pflichten wie Beratung, Hinweise zu Wechselwirkungen und die Einhaltung der erforderlichen Kühltemperatur bei Lieferung kühlpflichtiger Arzneimittel. Nicht zuletzt ging es auch um das Verhalten der Fahrer bei erfolglosen Zustellungen und die verbotene Lieferung nicht verkehrsfähiger Präparate.

 

„Der Apothekenleiter muss (...) sicherstellen, dass Patienten (...) hinreichend über Arzneimittel (...) informiert und beraten werden“. So §20 der Apothekenbetriebsordnung. Doch das Bundesgesundheitsministerium hat schon vor Jahren entschieden, dass Versandapotheken keine aktive Pflicht zur Beratung haben. Derlei Anforderungen an die Beratungspflicht seien „überzogen und letztlich nicht erfüllbar“, hieß es in einer Stellungnahme des BMG. Deshalb dürfe aus Gründen etwa notwendiger Beratung die grundsätzliche Zulassung des Versandhandels nicht in Frage gestellt werden. Eine sehr einseitige Interpretation des Gesetzestextes. Und gegen die Vor-Ort-Apotheken gerichtet, die die ganze Last der Akutversorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln zu tragen haben. Nicht selten kommt es vor, dass im Netz bestellt wird und dann die Beratung in einer Vor-Ort-Apotheke eingefordert wird – natürlich kostenlos.

 

Zumindest eines aber müssen alle Versandapotheken sicherstellen. Der Besteller ist darauf hinzuweisen, dass er als Voraussetzung für eine Belieferung eine Telefonnummer angeben muss, unter der er angerufen und beraten werden kann. Das gilt laut einem Urteil des Landgerichts Stuttgart auch für im Ausland ansässige Versandapotheken. Doch nur in 22 Prozent der Fälle registrierten die  Besteller eine schriftliche Aufforderung, weitere Angaben zu vorliegenden Erkrankungen, zur sonstigen Medikation oder über Schwangerschaft zu machen. Über einen Anruf mit weiteren Fragen zur Person oder zur Medikation wurde nur in 3 Prozent (!) aller Fälle berichtet.

 

Als durchaus gesundheitsgefährdend kann man das Verhalten so mancher Versandapotheke bei Vorliegen von Wechselwirkungen zwischen Medikamenten bezeichnen. Obwohl gerade Wechselwirkungen zwischen zwei oder mehr gleichzeitig eingenommen Arzneimitteln schwere gesundheitliche Probleme erzeugen können, erreichte die Besteller in vielen Fällen keine Information. Nur in 4,4 Prozent aller Fälle wurde von den Testpersonen ein Anruf registriert. 38 Prozent der Besteller entdeckten in der Sendung immerhin ein Informationsblatt mit einem Hinweis. Bei den restlichen Bestellungen, bei denen Wechselwirkungen möglich waren, wurde ein entsprechender Hinweis nicht wahrgenommen.

 

War der Umgang der getesteten Versandapotheken mit kühlpflichtigen Präparaten professioneller? Im Gegenteil. Ein Unternehmen lieferte überhaupt keine kühlpflichtigen Präparate. Und nur zwei Firmen hielten die erforderlichen Temperaturen ein. Bei fünf Versendern kamen die Arzneimittel mit Temperaturen außerhalb des Normbereichs an, also zu warm. Mit allen negativen Auswirkungen auf die Qualität der kühlpflichtigen Medikamente. Je nach Präparat und Dauer würde die Wirksamkeit sogar komplett verlorengehen.

 

Nicht verwunderlich, dass auch  die Lieferung der bestellten Arzneimittel oftmals nicht gemäß den  gesetzlichen Vorschriften erfolgte. So konnten 99 Bestellungen nicht direkt zugestellt werden. Zwölf Pakete wurden in der nächsten Postfiliale  zur Abholung bereitgestellt. 50 Arzneimittelpäckchen wurden – ohne Zustimmung des Bestellers – an eine andere Person ausgehändigt. Und 19 wurden einfach irgendwo abgestellt. Eines davon mit einem kühlpflichtigen Präparat auf der Terrasse. Und ohne einen Hinweis im Briefkasten.

 

Auch diese Gesetzesverstöße müssen sich die betroffenen Versandapotheken zurechnen lassen. Zwar hatten sieben von neun Versendern Aufkleber auf den Päckchen aufgebracht. Der wies zumeist aber nur ein Verbot der Abgabe an Kinder auf. Wobei ein Aufkleber das Abgabeverbot nur auf Kinder unter zwölf Jahren beschränkte. Doch mit solch lapidaren Anweisungen an den Logistiker ist es nicht getan. Dass sich die Auslieferungsfahrer in vielen Fällen nicht daran halten, mit allen negativen Folgen für die Arzneimittelsicherheit, zeigt die ganze Problematik des Versandhandels mit Arzneimitteln.

 

Dass zu allem Überfluss von einigen Test-Versendern auch bestellte Produkte geliefert wurden, deren Vertrieb den Apotheken verboten ist, verwundert denn auch nicht mehr. Es passt ins Bild einer Branche, die sich allerdings in vielen Fällen auch deshalb nicht an Recht und Gesetz halten kann, weil das System des Arzneimittelversandhandels mit den gesetzlichen Vorgaben einfach nicht kompatibel ist.

 

Doch die Politik will diesen unlösbaren Gegensatz nicht zur Kenntnis nehmen. Dass sie damit permanenten Gesetzesverstößen Vorschub leistet, ist schon für sich gesehen ein Skandal. Der eigentliche Skandal aber liegt im Tolerieren, wenn nicht Leugnen der effektiven Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung. Bestellbequemlichkeit darf keinesfalls höher bewertet werden als das Einhalten von Gesetzen zum Schutz der Gesundheit. Das müsste an sich auch in einer zerstrittenen Koalition mehrheitsfähig sein.

 

Doch Politik tickt anders. Es ist   einfacher, an Symptomen herumzukurieren als klare Entscheidungen zu treffen. Das bremst notwendige Korrekturen. Ob Rechtschreibreform oder Mengenlehre, ob Ersetzen der Diplome durch Bachelor und Master oder die Wiedereinbürgerung der Wölfe, ob „Schreiben wie Hören“ oder Steuervorteile für Diesel, ob Abitur nach acht Jahren oder Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Herstellern – jede politische Torheit dauert schließlich dreißig Jahre, bis sie korrigiert wird.

 

Bis zur Abschaffung des Versandhandels, wenigstens für verschreibungspflichtige Präparate, würde es demnach noch 15 Jahre dauern.

 

Es sei denn, die Vernunft siegt früher. Und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) setzt die Vereinbarungen des Koalitionsvertrages endlich 1:1 um.

 

Was spricht noch dagegen?