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11.12.2018

Nicht systemrelevant?  01.08.2018

Sicherheit ist unverzichtbar – aber alle 38 Stunden stirbt eine „Vor-Ort-Apotheke“

Wussten Sie schon, dass an jedem Tag knapp vier Millionen Menschen eine Apotheke aufsuchen? Das tun die Bürger nicht aus Lust oder Langeweile. Die einen kommen vom Arzt, sind krank und müssen Rezepte einlösen. Die anderen fühlen sich nicht wohl und benötigen apothekerlichen Rat und Medikamente. Und wieder andere sind „Besorger“, die für Angehörige oder Nachbarn den Weg in die Apotheke finden. Sie alle brauchen die Apotheke. Jetzt.

 

Es ist diese tägliche Präsenz in der akuten Versorgung, die die Apotheke eigentlich zum unverzichtbaren Teil der gesellschaftlichen Umgebung macht. Eigentlich. Doch die Erkenntnis dringt nicht durch. Das Internet regiert. Wieso muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich meine teuren Lifestyle-Produkte und Langzeit-Medikamente im Versandhandel kaufe? Andere tun es ja auch. Und der Staat hat nichts dagegen. Sonst würde er den Internethandel mit Arzneimitteln ja verbieten.

 

Wenn man dann akut erkrankt, dringend Arzneimittel braucht, nachts das Kind fiebert, kann man ja immer noch in die Apotheke um die Ecke gehen – denkt man. Doch wenn sie geschlossen ist, weil die Internetkäufer ihr über Jahre Umsätze und Ertrag weggenommen haben, kann der Weg sehr weit sein. Macht nichts? Welch grandioser Fehlschluss. Den kann man aber nicht dem einzelnen Bürger anlasten. Nur denen, die es besser wissen müssten. Den politischen Entscheidern. Doch die denken nicht weiter. Nicht gesamtgesellschaftlich. Nur taktisch. Wie läuft der Trend mit dem Internethandel? Wie digitalinteressiert möchte ich als Politiker wirken? Außerdem – sind die Apotheken nicht selbst schuld?

 

Wo viele Menschen leben, praktizieren viele Ärzte. Wo viele Menschen und viele Ärzte sind, gibt es viele Apotheken. Natürlich haben sich die Bilder von den „drei Apotheken in einer Straße“ tief in das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft eingegraben. Jeder von uns hat sie schon gesehen. Und ja, es kann sein, dass die eine oder die andere Apotheke dort wirklich „zu viel“ ist und „eingespart“ werden könnte. Doch das besorgt schon der Wettbewerb untereinander. Der ist knüppelhart. Nur – das ist nicht das Problem.

 

Deutschland ist ein Flächenstaat. Mit 357 000 Quadratkilometern der drittgrößte Staat der Europäischen Union (EU). Es gibt Ballungsgebiete wie das Ruhrgebiet oder die Region Rhein-Main. Es gibt Großstädte wie Berlin, Hamburg, München, Köln oder Stuttgart. Und es gibt endlose Entfernungen in den ostdeutschen Ländern, in Bayern, in Baden-Württemberg, in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Im weiten Land wie hingetupft die einsamen Dörfer und kleinen Städte. Mit oder schon ohne Apotheke.

 

Denn alle 38 Stunden macht eine Apotheke in Deutschland für immer die Lichter aus. Interessiert das die Öffentlichkeit? Deutschland ist inzwischen im unteren Drittel der EU angekommen, was das Verhältnis der Zahl der Apotheken zur Einwohnerzahl anbetrifft. Mit nur noch 24 Apotheken je 100 000 Einwohner liegen wir in der Versorgung der Bürger mit Arzneimitteln irgendwo zwischen Kroatien und Tschechien.

 

Ist dennoch die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln durch die Vor-Ort-Apotheken gesichert? Einstweilen noch ja. Auch wenn vielerorts die Entfernungen weiter und die Wege länger geworden sind. Und sie werden noch länger, wenn der Trend zur sterbenden Apotheke anhält. Aber immer noch arbeiten in den 19 748 Apotheken, die es Anfang des Jahres noch gab, 170 000 Beschäftigte und Inhaber. Wären sie in einem einzigen Unternehmen beschäftigt, würde sich der Wirtschaftsminister persönlich um ihr Wohlergehen kümmern. So aber ist das Schicksal der einzelnen Apotheke für die Politik uninteressant. Das bewährte Apothekensystem als Teil des Gesundheitssystems existiert ja. Noch.

 

Diese bewährte Struktur gilt es allerdings mittelfristig zu zerstören. Darin scheinen sich Politiker aller Parteien, viele Medien und die lange Reihe der ehemaligen Gesundheitsminister mit Ausnahme von Hermann Gröhe (CDU) einig zu sein. Auf eine konkrete Maßnahme seitens des amtierenden Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU), durch ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln diese Zerstörung aufzuhalten oder gar zu verhindern, wartet man noch.

 

Seit Ulla Schmidt (SPD), Gesundheitsministerin von 2001 bis 2009, den Versandhandel von Arzneimitteln gesetzlich zugelassen hat, haben die Vor-Ort-Apotheken nur verloren. Milliardenumsätze mit den teuren Lifestyle-Medikamenten sind seitdem ebenso an den Apotheken vorbeigegangen wie rezeptpflichtige Großpackungen für die Langzeitversorgung. Das Apothekenhonorar wurde auch über viele Jahre nicht erhöht. Das Ergebnis? Alle 38 Stunden schließt eine Apotheke für immer. Die Krankenkassen applaudieren. Sie sind natürlich für den Versandhandel. Sie träumen davon, die Boni an die Kunden für sich selbst abzuschöpfen.

 

Doch um ihren gesamtgesellschaftlichen Aufgaben gerecht zu werden, braucht die Apotheke nicht nur Erträge. Sie braucht auch die Anerkennung von Politik und Gesellschaft für ihre Leistungen, die ihr vom Staat als notwendig abverlangt werden. Die schnelle Akutversorgung mit Arzneimitteln nach dem Arztbesuch. Der Notdienst, den Nacht für Nacht 20 000 Menschen aufsuchen. Die Herstellung von über 13 Millionen individuellen Rezepturen pro Jahr. Der komplizierte und verantwortungsvolle Umgang mit Betäubungsmitteln. Die zeitraubende persönliche Beratung der Patienten über die Auswirkungen von inzwischen mehr als 27 000 Rabattverträgen. Die aktive Mithilfe bei Rückrufen von Arzneimitteln wie jetzt im Fall des Blutdrucksenkers Valsartan.

 

All diese gesamtgesellschaftlichen Aufgaben hat der Staat den Versandhandelsfirmen sozusagen erlassen. Für die Akutversorgung  stehen sie nicht zur Verfügung. Einen Notdienst in der Nacht, an Sonn- und Feiertagen – Fehlanzeige. Sie brauchen nicht mitzumachen. Warum nicht? Weil sonst das Versandsystem nicht funktionieren würde. Was funktioniert, ist staatlich gefördertes Rosinenpicken als Geschäftsmodell. Zu Lasten der Vor-Ort-Apotheken. Die Schließung einer Apotheke alle 38 Stunden – ein Kollateralschaden.

 

Doch bevor die Politik entscheidet, lässt sie sich ja durchaus hochkarätig beraten. So wie der Bundesminister für Wirtschaft und Energie Peter Altmaier (CDU) von der „Monopolkommission“. Im neuesten Gutachten vom Juli 2018 spricht die sich allerdings für den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln aus. Hat die Kommission ihre Hausaufgaben nicht gemacht? Hätte sie den Markt der Versandhandelsunternehmen vor ihrem Gutachten intensiver untersucht, müsste sie auf die in Windeseile sich vollziehende Konzentration in der Branche gestoßen sein. DocMorris auf dem Weg zum Monopolisten. Gefördert von der Monopolkommission?

 

Doch das ist nicht alles. Der Wirtschaftsminister ist auch für die Arzneimittelpreisverordnung zuständig. Die garantiert seit Jahrzehnten, dass der Preis für ein rezeptpflichtiges Medikament in ganz Deutschland in jeder Apotheke gleich ist. Auch bei Epidemien, wenn es nicht genügend Präparate gibt. Auch bei Lieferproblemen. Niemand soll bevorzugt oder übervorteilt werden.

 

Doch die bewährte Preisbindung für rezeptpflichtige Arzneimittel wirft die Monopolkommission auch gleich über Bord. Um den Preiswettbewerb unter den Apotheken auch  im Verschreibungssektor anzuheizen und sie noch tiefer in die roten Zahlen zu bringen. Die sollen unter anderem mit den Patienten individuelle Zuschläge auf ihr Arzneimittel verhandeln dürfen, mal niedriger, mal höher. Aber nicht zu hoch. Da ist ein Deckel drauf. So wirtschaftsliberal soll es dann doch nicht zugehen. Rabatte soll es dann auf die Zuzahlung geben. Kompliziert und abstrus.

 

Beide Empfehlungen zeigen, wie weit sich auch hochkarätige Wirtschaftsexperten von der Realität entfernen. Für sie ist die Apotheke nicht systemrelevant. Man kann auf sie verzichten. Gesamtgesellschaftliche Aufgaben der Apotheke? Akutversorgung nach Arztbesuch, bei Unfällen und Schmerzen? Notdienste in der Nacht, an Wochenenden und Feiertagen? Herstellung von individuellen Rezepturen? Die Sicherheit der flächendeckenden Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln? Alles nicht so wichtig? Wer so denkt, hat die gesellschaftliche Bedeutung der Vor-Ort-Apotheke nicht verstanden.

 

Mit jeder Apotheke, die für alle Zeiten ihre Pforten schließt, verliert die Gesellschaft ein Stück Sicherheit. Und davon ist gerade  in letzter Zeit schon eine ganze Menge abhanden gekommen.

 

Die Vor-Ort-Apotheke ist und  bleibt systemrelevant. Sie steht für die Sicherheit einer umfassenden Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln. Deshalb braucht sie gesellschaftliche Anerkennung und den Schutz von politischen Entscheidern, die verantwortungsvoll allen Bürgern gegenüber handeln.

 

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