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18.9.2019

Impfen – ja oder nein? JA!  01.03.2018

Nicht nur eine Virusgrippe kann lebensgefährlich sein.

Haben Sie eine Minute Zeit? Und einen PC oder Ihr Smartphone in der Nähe? Dann gehen Sie auf YouTube und geben Sie „Händewaschen (Werbung)“ ein. Das Video des Robert Koch-Instituts (RKI) aus der Aktion „Wir gegen Viren“ zeigt zur Musik von Edvard Grieg beeindruckend, wie schnell Ansteckung funktioniert. Und dass „richtiges“ Händewaschen dagegen hilft. Auch zum richtigen Händewaschen gibt es jede Menge Videos. Doch die Zahl der Abrufe ist dürftig.

 

Das Robert Koch-Institut ist ein dem Bundesgesundheitsminister unterstelltes Forschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zu seinen wichtigsten Aufgaben als Nachfolgeinstitut des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes zählt die Beobachtung des Auftretens und des Verlaufs von gefährlichen Infektionskrankheiten. Auch für die wissenschaftliche Erarbeitung von Vorschlägen zu ihrer Eindämmung und das Sammeln und Aufbereiten von Daten zum Impfverhalten der Bevölkerung ist das RKI zuständig.

 

In Zeiten von Globalisierung, Ferntourismus und Migration springen ansteckende Krankheiten schnell von Land zu Land, von Erdteil zu Erdteil. Aktuell sind es die Meldungen des RKI zur grassierenden Virusgrippe, die wöchentlich in den Medien für Aufmerksamkeit sorgen. Denn die um sich greifende Grippewelle zeigt seit Ende Dezember 2017 einen rasanten Anstieg. Bis Mitte Februar 2018 registrierte das RKI mehr als 37 000 Grippekranke. Alleine in der fünften Woche dieses Jahres waren es knapp 16 000 Fälle. Und der Höhe­punkt dürfte noch nicht erreicht sein.

 

Dass in diesem Jahr die Virusgrippe besonders tückisch ist, liegt auch an der schnellen Veränderung der Grippeviren. Die Herstellung eines Grippeimpfstoffes ist kompliziert und dauert mehrere Monate bis zur endgültigen Freigabe. Deshalb versucht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon am Anfang eines Kalenderjahres, die Zahl und die Zusammensetzung der Influenza-Virenstämme für die im Spätsommer beginnende Grippesaison vorauszusagen.

 

Aber Viren sind unberechenbar. Jahrelang bestand eine Influenza-Epidemie hauptsächlich aus drei verschiedenen Virenstämmen. Dagegen entwickelte die Pharmaindustrie gut wirksame, „trivalente“ (Dreifach-) Impfstoffe. In diesem Jahr ist plötzlich ein vierter, sehr aggressiver Virenstamm aufgetreten. Gegen ihn war in der Dreifachimpfung kein Wirkstoff enthalten. Deshalb konnte die Influenza besonders stark zuschlagen. Und fesselt seitdem zehntausende Grippekranke ans Haus, wenn nicht ans Bett. Mehr als jeder zehnte der   an Influen­za Erkrankten muss in einer Klinik behandelt werden. Die Zahl der Todesfälle steigt.

 

Nun ist es nicht so, dass es bisher keinen wirksamen Vierfach-Grippe-Impfstoff gegeben hätte. „Tetravalente“ Impfstoffe gibt es seit Jahren schon. Auch in dieser Grippesaison. Aber sie wurden den Mitgliedern der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) nicht verschrieben. Der Grund lag in der Empfehlung der Weltgesundheits­organisation zu Anfang 2017, dass auch in diesem Jahr wieder der trivalente Impfstoff ausreichen würde.

 

Die „Ständige Impfkommission“ – abgekürzt STIKO – am Robert Koch-Institut übernimmt regelmäßig die Empfehlung der WHO auch für Deutschland. So auch in 2017. Der Gemeinsame Bundesausschuss  (G-BA), das oberste Gremium der Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen, beschloss daraufhin, nur die Impfung mit dem Dreifach-Wirkstoff als Kassenleistung anzuerkennen.

 

Doch der dramatische Verlauf der diesjährigen Influenza-Epidemie war nicht zu übersehen. Nachdem die WHO sich schon frühzeitig während der Grippesaison für eine Impfung mit Vierfach-Grippe-Impfstoffen ausgesprochen hatte, übernahm Anfang Dezember auch die STIKO die Empfehlung. Der Gemeinsame Bundesausschuss GBA allerdings ließ sich Zeit. Drei Monate lang kann er darüber diskutieren, ob er die Grippeimpfung mit Vierfach-Impfstoff als Kassenleistung einführt.

 

So lange wollten manche Gesetzlichen Krankenkassen nicht warten. Einige Kassen – wie die DAK Gesundheit oder die Barmer – übernahmen freiwillig die Kosten für die neue teurere Impfung, zumindest für Risikogruppen wie Senioren. Sicher aus Verantwortung für die Gesundheit ihrer Mit­glieder. Vielleicht aber auch, weil die gesetzlich Versicherten zunehmend Unmut äußerten. Denn Privatversicherte erhielten immer schon die Vierfach-Grippe-Impfung erstattet. Und kaum ein Wort reizt – auch im Zuge der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/ CSU und SPD – zurzeit mehr als das Wort „Zweiklassenmedizin“. Momentan kann man von Glück reden, dass aktuellen Erhebungen zufolge der Schutz trotz des vierten Virenstamms bei ungefähr 50 Prozent liegt.

 

Nun war es nicht alleine der „vierte Stamm“, der die Patientenzahlen in den Arztpraxen in die Höhe schnellen ließ. Die Influenza konnte auch zuschlagen, weil der Anteil der gegen Grippe Geimpften in den letzten Jahren stark abgenommen hat. Wie das Robert Koch-Institut mitteilt, ließen sich in der Impfsaison 2015/16 nur noch 35 Prozent der besonders gefährdeten Personen über 60 Jahre gegen Influenza impfen. Sechs Jahre zuvor waren es noch 48 Prozent! Diese Impfmüdigkeit ist alarmierend.

 

Dabei schätzt man die Zahl der Toten aufgrund der Folgen einer Grippeerkrankung in Europa auf jährlich 44 000! Und 90 Prozent davon sind ältere Menschen, wie das „Ärzteblatt“ in seiner Ausgabe vom 7. Februar 2018 berichtet. Von einer Durchimpfungsquote von 75 Prozent für Senioren, wie es die Europäische Union fordert, ist Deutschland mit seinen 35 Prozent also meilenweit entfernt. Allerdings viele andere europäische Länder auch. Nur Schottland erreicht die Quote.

 

Gefahr besteht indes für alle Alterstufen, besonders für Schwangere, Säuglinge und Kinder. Und nicht nur in Bezug auf Influenza. In jüngster Zeit sind die Masern wieder im Vormarsch. Sie waren fast ausgerottet, aber im Jahre 2017 verdreifachte sich die Zahl der Krankheitsfälle zum Vorjahr auf knapp tausend. Und die Zahl der Erkrankungen an Keuchhusten verdoppelte sich innerhalb von drei Jahren auf über 22 000!

 

Auch die in Deutschland ausgerottete Kinderlähmung (Polio) meldet sich wieder. Nachdem es in Syrien im Jahre 2013 zum ersten Mal seit 1999 wieder einen Ausbruch von Polio gegeben hat, besteht nach Meinung des Robert Koch-Instituts durchaus die Gefahr auf Wiedereinschleppung der tückischen Krankheit durch syrische Flüchtlinge. Gerade in beengten räumlichen Verhältnissen wie in Flüchtlingsunterkünften kann es dann zu einer schnellen Übertragung kommen.

 

Längst verschwundene Infektions­krankheiten wandern auch aus den Staaten des Ostblocks ein. Umso wichtiger, dass möglichst alle Säuglinge, Kinder und Jugendlichen geimpft sind. Frankreich hat deshalb vor kurzem eine Impfpflicht für elf Krankheiten eingeführt. Die gibt es in Deutschland nicht. Das Robert Koch-Institut spricht allerdings eine Empfehlung aus. Kinder und Jugendliche sollten insgesamt gegen vierzehn Krankheiten geimpft werden. In den ersten Kinderjahren funktioniert das auch. Denn bei der Einschulung zeigt sich, dass 95 Prozent der Fünf- und Sechsjährigen entsprechend der Empfehlung der Kommission geimpft sind. Das ist erfreulich. Doch leider sackt die Quote später ab.

 

Für jede Infektionskrankheit gilt allgemein eine Durchimpfungsquote von mindestens 95 Prozent der Bevölkerung als wünschenswert. 100 Prozent wird man nie erreichen, auch nicht mit Zwang. Doch schon mit 95 Prozent wird die sogenannte „Herdenimmunität“ erreicht. Die sorgt dafür, dass die Ansteckungsgefahr gegen null geht. Denn es müssen schon zwei ungeimpfte Personen, von denen einer ein Krankheitsüberträger ist, aufeinander treffen. Das ist eher unwahrscheinlich. Und wenn doch, dann kann die Krankheit sich nicht ausbreiten, weil die geimpfte Umgebung immun ist.

 

Das Problem dabei ist, dass für eine Durchimpfungsquote von 95 Pro­zent nicht nur Säuglinge, Kinder und Jugendliche geimpft werden müssen, sondern auch alle Erwachsenen. Und daran hapert es. Das zeigt sich ja schon bei den abgesackten Quoten der Impfung gegen Influenza. Erwachsene haben keine Zeit und kein Problembewusstsein. Und oft auch keinen Impfpass. Oder er ist unauffindbar. Oder es gibt mehrere, weil jeder Arzt einen neuen ausgestellt hat. Wer sieht da noch durch?

 

Das könnte sich bald ändern! Die Elektronische Gesundheitskarte macht’s möglich. Derzeit bemühen sich alle am Gesundheitswesen Beteiligten intensiv um eine vernünftige Nutzung der milliardenschweren Ein­führung. Auf der Gesundheitskarte kann jede Impfung in einem internen Impfpass dokumentiert werden. Und jeder, dem der Versicherte die Berechtigung erteilt, kann sehen, welche Impfung fehlt. Und den Versicherten darauf hinweisen.

 

Eine professionelle Impfberatung bei Auslandsreisen ist schon jetzt eine verantwortungsvolle Aufgabe für manche Apotheke, die sich mit entsprechenden Programmen darauf spezialisiert hat. Mit der Elektronischen Gesundheitskarte könnte sich dann jeder, der auch den gefährlichen Infektionskrankheiten keine Chance bieten will, in seiner Apotheke schnell und einfach über fehlende oder aufzufrischende Impfungen informieren.

 

Auch das ein Plus der Vor-Ort-Apotheke.