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18.9.2019

Wehe den Patienten!  01.12.2017

Ist die versorgungssichere Apothekenstruktur noch zu retten?

 „Vae victis!“ Wehe den Besiegten! Nachdem eroberungswütige Gallier im Jahre 387 vor Christus die Römer vernichtend geschlagen hatten, plünderten sie nicht nur die Stadt Rom, sondern forderten auch noch ein riesiges Lösegeld. Tausend Pfund Gold sollten die Römer zahlen. Doch diese beschuldigten den gallischen Heerführer Brennus, er würde zu seinem Vorteil falsche Gewichte benutzen. Daraufhin warf Brennus mit den Worten „Wehe den Besiegten!“ sein Schwert in die Waagschale. Die senkte sich noch tiefer. Und die Römer mussten weiteres Gold auf die andere Seite der Waage häufen.

 

„Wehe den Besiegten!“ Noch nach jedem Krieg, nach jeder verlorenen Schlacht in der Geschichte hatte dieser Ausspruch Gültigkeit. Und heute? Dort, wo rund um den Erdball kriegerische Auseinandersetzungen stattfinden, leiden die Unterlegenen genau so schwer wie in früheren Zeiten. Körperlich, seelisch und materiell. Und sie machen sich auf den langen Weg in die ruhigeren, prosperierenden Regionen dieser Welt.

 

Doch Kriege finden auch in anderer Form statt. In der Politik, in der Wirtschaft, im Handel, im sozialen Gefüge. Zwischen Parteien, zwischen Unternehmen, zwischen gesellschaftlichen Schichten. Hier geht es nicht um Warlords und Waffen, nicht um körperliche Gewalt, nicht um die Eroberung von Land und Leuten. Doch die Motivationen sind gleich. Es geht um Einfluss, um Geld, um Macht.

 

Verlierer gibt es demnach überall. Bei der feindlichen Übernahme eines Unternehmens durch ein größeres sind es die Mitarbeiter des kleineren Partners. Sie verlieren ihren Arbeitsplatz. Bei einem „Handelskrieg“ wie im Fall „die freie Welt gegen Russland“ sind nicht nur die Russen die Verlierer, sondern auch zahlreiche exportorientierte Firmen im Westen. Auch beim Abschluss von Freihandelsverträgen zwischen Staatengemeinschaften gibt es „Verliererländer“. Umwelt, Energie, Landwirtschaft, Ernährung – hart erkämpfte Ziele auf wichtigen Gebieten werden auf dem Altar der Kompromisse geopfert. Auch wenn sie vernünftig sind.

 

Das kommt Ihnen bekannt vor? Vielleicht deshalb, weil wir alle aktive oder passive Teilnehmer am Kampf um ein solide finanziertes, gesellschaftlich ausgewogenes und patientenorientiertes Gesundheitswesen sind. Dass es sich in diesem Gesundheitsmarkt nicht um eine Wohltätigkeitsveranstaltung handelt, ist klar. Schließlich geht es um Einnahmen und Ausgaben in Höhe von dreihundert Milliarden Euro pro Jahr.

 

Dreihundert Milliarden Euro sind eine ungeheure Summe. Die weckt Begehrlichkeiten und provoziert Abwehrprozesse. Auf Seiten der „Leistungserbringer“ – der Pharmahersteller, Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitsanbieter und freier Berufe – ebenso wie auf Seiten der Krankenkassen, der Versicherten und der mit Krankenkassenbeiträgen belasteten Unternehmen. Nicht umsonst wird in Medien und Politik das Gesundheitswesen oft mit einem „Haifischbecken“ verglichen. Vom Patienten ist seltener die Rede.

 

Doch auch in einem „Haifischbecken“ gibt es Sieger und Besiegte. Die großen Fische fressen die kleinen, die schnellen die langsamen, die gut gefütterten die schwachen. Wer sich groß, schnell und gut gefüttert nennen darf, bestimmt zumeist die Gesundheitspolitik mit ihren Gesetzen und Verordnungen. Oft gut gemeint, aber nicht selten schlecht gemacht und ohne Gefühl für die Folgen. Die können gravierend sein.

 

Die nachhaltigsten „Fütterungen“ erfolgten durch die gesetzlichen Aktivitäten der damaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Sie war fleißig. Aus ihrer Feder flossen das „Beitragssatzsicherungsgesetz“ von 2003, das „Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung“ (2004), das „Arzneimittelversorgungswirtschaftlichkeitsgesetz“ (2006) und das „GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz“ von 2007. „Angefüttert“ wurden die gesetzlichen Krankenkassen. Und die entwickelten sich prächtig. Aus patientenorientierten Dienstleistungskassen wurden mächtige, finanzorientierte Einkaufsgemeinschaften.

 

Seitdem ist das Gesundheitswesen „out of balance“. Der eigentliche Sinn der Gesetze – ein Wettbewerb unter den Krankenkassen um die beste Versorgung der Patienten – hat sich  bis heute nicht erfüllt. Einen geringen Wettbewerb gibt es allenfalls um die Höhe der Zusatzbeiträge. Und mit einer an den Prinzipien fairer Partnerschaft mit den Leistungserbringern im Gesundheitswesen orientierten Politik tun sich die Kassen ebenso schwer.

 

Die Reaktionen der um eine faire Partnerschaft ringenden Leistungserbringer sind unterschiedlich. Und sie fallen nicht immer zum Wohle des Patienten aus. Ein Beispiel sind die Auseinandersetzungen der Krankenkassen mit den Arzneimittelherstellern um die Einführung neu entwickelter Medikamente. Die stellten nach Meinung der Kassen oftmals keine echte Verbesserung dar. Außerdem seien die Einführungspreise für Innovationen zu hoch.

 

Doch die hohen Preise haben ihren Grund. Früher verdienten die großen Arzneimittelhersteller auch am Absatz bewährter „Altmedikamente“. Deren Preise jedoch sanken durch die Ausschreibungen der Kassen und den Abschluss von Rabattverträgen ins Bodenlose. Die Hersteller verkauften die Zulassungen und stellten die Produktion in Deutschland ein. Im Gegenzug stiegen die Preise für neu eingeführte Medikamente nicht nur in Einzelfällen rasant an. Werden die Preise nicht akzeptiert, führen die Hersteller die Innovation in Deutschland nicht ein. So bleiben beide – Kassen und Hersteller – zwar „Sieger“, doch um welchen Preis? Verlierer sind die Patienten.

 

Auch die deutschen Apotheken befinden sich seit Jahren in einem zermürbenden Kampf. Es geht dabei weniger um ihre wirtschaftliche Existenz. Die wird sowieso von allen Seiten angeschossen. Und jede Apotheke muss sehen, wie sie in einem sich turbulent verändernden Markt zurecht kommt. Denn in einer Zeit, in der das Wort „digital“ zum heiligen Gral angeblich notwendiger Veränderung verkommen ist, selbst wenn es eine Veränderung zum Schlechteren ist, scheint es schier unmöglich zu sein, mit warnenden Worten bei Politik und Krankenkassen Gehör zu finden.

 

Arzneimittelsicherheit, Versorgungssicherheit, Beratungsqualität – das sind Begriffe, die sich für Digitalisierungsfreunde nicht mit Leben füllen. Die Bedürfnisse des Patienten werden ausgeblendet. Doch eigentlich erstaunt das nicht. Setzt man „Digitalisierung“ mit „Modernisierung“ gleich, und will man unbedingt „modern“ sein, muss man wohl alle Warnungen vor dem Verlust von Sicherheit in den Wind schlagen. Die Wahlwerbung der FDP lässt grüßen: Erst handeln, dann nachdenken.

 

Die Politik ist die eine Seite, die andere Seite sind die Krankenkassen. Warum kämpfen sie so vehement für ausländische Arzneimittelversandkonzerne? Obwohl Arzneimittelsicherheit und breit angelegte Versorgungssicherheit für die Patienten auf der Strecke bleiben? Nicht, um Lieferungen von Medikamenten in entlegene Gebiete ohne Apotheke sicherzustellen. Und schon gar nicht kämpfen Kassen für die Bonuszahlungen der Versender an den Endverbraucher.

 

Bei den Kassen ist es schlicht die Erwartung, der Gesetzgeber werde ihnen in absehbarer Zeit erlauben, Einzelverträge mit Apotheken für die Lieferung von Arzneimitteln an ihre Versicherten abzuschließen. Natürlich mit Rabatt. Das können nur die ausländischen Versandapotheken mit Hilfe ihrer Großinvestoren. Die dürfen die deutschen Arzneimittelpreise unterbieten. So würde weiteres Geld in die ohnehin vollen Taschen der Krankenkassen fließen. Kassenbestand zurzeit: 17,5 Milliarden Euro. Würden sich die Rezepte dann eines Tages auch noch „digital“ an ausländische Vertragsapotheken steuern lassen dürfen, würden die deutschen Apotheken noch weiter an Boden verlieren. Und mit den Boni an Besteller wäre dann sowieso Schluss.

 

Aber noch ist es nicht so weit. Die neue Bundesregierung bleibt gefordert, Verantwortung in diesem höchst sensiblen Markt zu übernehmen. Das geht nur durch ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln. Ein nicht leichter Schritt. Besteller, die sich beim Einkauf bei ausländischen Versandapotheken an Zugaben und Boni gewöhnt haben, im Nachtdienst und Notfall aber gerne die nächste Apotheke aufsuchen, müssen umdenken. Versorgungssicherheit und Beratungsqualität für alle erfordert auch Solidarität mit den Millionen Patienten im Lande, die eine Apotheke in ihrer Nähe brauchen. Wie schnell kann man selbst betroffen sein.

 

Kommt das Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln nicht, wird die Apothekenlandschaft weiter ausgedünnt. Je nach Schnelligkeit, mit der die finanzstarken und umsatzstatt beratungsorientierten ausländischen Versender den deutschen Apotheken die Rezepte abjagen, würden tausend bis dreitausend Apotheken für immer schließen müssen, vielleicht mehr. Viele davon sind Einzelapotheken auf dem Lande.

 

Weit ist dann der Weg zur nächsten Apotheke.

 

Wehe den Patienten.