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24.1.2019

Anwalt der Patienten

Nur die Apotheken kämpfen für die Akutversorgung vor Ort. Wer sonst?

2019. Ein neues Jahr. Wird es ein „Frohes Neues Jahr“ werden? So, wie man es sich gegenseitig wünscht in der Silvesternacht? Gesundheit soll das neue Jahr bringen. Glück und etwas mehr Wohlstand wären auch nicht schlecht. Und viele schöne Stunden mit den Menschen, die einem nahestehen. Läuft es so, dann  wäre es im Rückblick am nächsten Silvesterabend ein frohes Jahr gewesen.

 

Die Wirklichkeit? Zumindest geopolitisch sieht die Lage nicht rosig aus. In vielen Regionen der Welt toben erbitterte kriegerische Konflikte. Dagegen nehmen sich die Wirtschaftskriege der USA fast harmlos aus. Aber auch die haben es in sich. Denn sie gefährden den Wohlstand der Nationen. Auch den von Deutschland. Gibt es keinen Wirtschaftsfrieden, stottert der Motor der deutschen Exportindustrie. Bricht der Export ein, drohen Steuerausfälle und Arbeitslosigkeit. Und genau das können wir am wenigsten gebrauchen. Denn eigentlich hatten wir uns viel vorgenommen für das neue Jahr. Und die Jahre danach.

 

Die werden Geld kosten, viel Geld. Die Zeitungen sind voll von Berichten über teure Problemfelder. Brückensanierungen, Wohnungsbau, Digitalisierung, Integration, Gesundheit, Pflege, Krankenhäuser, die Bundeswehr, das Rentensystem. Doch daneben gibt es auch beruhigende Meldungen. Der Wirtschaft geht es gut. Die Steuereinnahmen sprudeln. Die Sozialabgaben erreichen Rekordhöhen. Die Krankenkassen sitzen auf einem Polster von über 21 Milliarden Euro. Der Gesundheitsfonds hat zehn Milliarden Euro im Topf. Also alles in Butter?

 

Nichts ist in Butter. Alle 38 Stunden schließt in Deutschland eine Apotheke. Würde man auf einer Deutschlandkarte leuchtende Punkte sehen, jeder Lichtpunkt eine Apotheke, würde alle 38 Stunden eines dieser Lichter erlöschen. Für immer. So manches Gebiet würde im Laufe der Monate immer schwächer erhellt. Und dunkle Zonen würden sich ausbreiten.

 

In diesen dunklen Zonen ohne Apotheken würde die Zahl der Patienten allerdings nicht sinken. Eher noch steigen. Denn die jungen gesunden Leute zieht es in die industriellen Ballungsgebiete. Die älteren Bürger bleiben zurück. Doch je älter die Menschen werden, desto „multimorbider“ werden sie. Sie leiden an mehreren Krankheiten. Gibt es dann noch einen praktizierenden Arzt in der Nähe – gut. Ist die Apotheke im Ort für immer geschlossen – nicht gut. Kranke Menschen brauchen Apotheken, besonders im akuten Fall und bei schwerer Krankheit.

 

Doch konzentrieren wir uns nicht nur auf die ländlichen dunklen Zonen. Auch in den Städten und Großstädten gibt es sie. Alte Menschen sind oft nicht mehr so mobil. Besonders wenn sie alleinstehend sind und in der Stadt wohnen. Mit Bus und Bahn ist es beschwerlich. Und nicht immer ist eine nette Nachbarin da, die einen zum Arzt fährt. Und anschließend zur Apotheke. Für einen betagten Menschen mit eingeschränkten Bewegungen ist jeder Weg ein weiter.

 

Doch es geht ja nicht nur um die älteren Mitbürger, auch kranke Kinder haben ein Recht auf Akutversorgung. Und Kinderkrankheiten steigen dramatisch an. Je mehr Kleinkinder in Kitas untergebracht werden, desto höher die Zahl der akuten Infektionen. Krankheiten wie Masern, Keuchhusten, Scharlach oder Diphterie sind wieder auf dem Vormarsch. Zudem sinkt die Durchimpfungsrate, weil manche Eltern eine Impfung  ihrer Kinder verweigern. Verantwortungslos.

 

Im Wesen von Akuterkrankungen liegt die Tatsache, dass sie zumeist spontan auftreten. Nicht selten mitten in der Nacht, am Feiertag oder einem Sonntag. Oft sind es Kinder,  die plötzlich fiebern und ratlose Eltern vor ihrem Bett stehen lassen. 20 000-mal pro Nacht- und Notdienst hilft dann die Apotheke, die gerade Dienst hat. 470 000 Nacht- und Notdienste pro Jahr – nichts beweist mehr das Engagement der Apotheken für die schnelle Versorgung der Bürger vor Ort als diese Bereitschaftsdienste.

 

Zur Akutversorgung mit Medikamenten gehört auch die Fertigung von Rezepturen in der Apotheke. 13,3 Millionen (!) waren es im Jahre 2016. Ärzte verordnen Rezepturen, wenn sie keine Fertigarzneimittel für das diagnostizierte Krankheitsbild  finden. Insbesondere Kinder und Senioren brauchen oft eine individuell notwendige Form oder Stärke eines benötigten Medikaments. Und Zahlen wie 2,4 Millionen Methadon- und 2,4 Millionen Zytostatika-Zubereitungen drücken ebenfalls aus, wie sehr die Apotheke in die Akutbehandlung individueller Krankheitsbilder eingebunden ist.

 

Das Dilemma – die Apotheke ist einerseits seit Jahrhunderten dem Gemeinwohl verpflichtet. Die Gesellschaft hat einen Anspruch darauf. Der lässt sich mit Geld nicht annähernd bewerten. Nacht- und Notdienste können genauso wie die Herstellung von Rezepturen niemals kostendeckend sein. Aber diese Verpflichtung auf das Gemeinwohl ist  Teil des Selbstverständnisses des Apothekers als Heilberufler.

 

Andererseits verlangt der Markt von ihm ein betriebswirtschaftliches Ergebnis, das seine Apotheke leben und die Bevölkerung versorgen lässt. Doch diesen Spagat zwischen Verpflichtung auf das Gemeinwohl einerseits und einem angemessenen wirtschaftlichen Erfolg andererseits halten immer weniger Apotheken auf Dauer aus. Dass alle 38 Stunden eine Apotheke irgendwo in Deutschland aufgibt, interessiert im akuten Fall nur den Mikrokosmos um die Apotheke herum. Der Rest der Republik geht zur Tagesordnung über. Das kleine Apothekenlicht ist ja aus.

 

Solange das Licht an ist, könnte die Apotheke ja agieren. Doch wie? Der rezeptpflichtige Arzneimittelmarkt hat feste Preise. Das ist vernünftig und vom Gesetzgeber so gewollt. Von Flensburg bis Berchtesgaden soll das Präparat den gleichen Preis haben. Egal, wie knapp es ist, und egal, wer es haben will. Niemand soll sich einen Vorteil verschaffen können, nur, weil er mehr Geld auf den Tisch legen kann. Und keine Apotheke soll höhere Preise fordern können. Das ist gerecht. Gleichzeitig läßt sich die Zahl der Patienten aber auch nicht steigern. Nur wer krank ist, ist krank, ist Kunde, braucht ein Medikament.

 

Preise und Mengen lassen sich   seitens der Apotheke also nicht erhöhen. Was kann sie denn dann tun, um eine flächendeckende Akutversorgung mit Arzneimitteln bis in die letzten Winkel der Republik dauerhaft zu garantieren? Es bliebe eine Erhöhung der Handelsspanne, des  Betrages, den die Apotheke für die einzelne Packung erhält. Doch den setzt das Wirtschaftsministerium fest. Auch da seit Jahren Fehlanzeige. Während Löhne, Gehälter, Mieten  und andere Kosten steigen, rührt sich im Wirtschaftsministerium niemand. Allenfalls, um Argumente zu sammeln für eine Senkung der Handelsspanne – das genaue Gegenteil. Befürworter finden sich immer.

 

Nun sollte man meinen, auch die Politik sei dem Gemeinwohl verpflichtet, insbesondere die Gesundheitspolitik. Ist sie das? Zweifel sind angebracht. Denn zum Gemeinwohl gehören auch Fürsorge und Schutz für die Kranken und die alten Menschen. Doch noch jeder Gesundheitsminister der letzten zwanzig Jahre schaute tatenlos zu, wie die Zahl der Apotheken zurückging, die Entfernungen stiegen, die Regionen ausbluteten, die akute Versorgung problematischer wurde. Der eine Minister oder die andere Ministerin haben sogar aktiv daran mitgearbeitet.

 

Das Desinteresse der Gesundheitspolitik an der Versorgungssicherheit der Bevölkerung mit Arzneimitteln sieht man nirgendwo besser als an der Behandlung des Themas „Versandhandel“. Die Zulassung des Versandhandels mit Medikamenten hat zur Schließung zahlreicher Apotheken geführt. Statt sich um die Belange der Patienten zu kümmern, hatte man im Ministerium stets ein offenes Ohr für die Interessen ausländischer Versandhandelskonzerne und rabatt-, bonus- und zugabenbegeisterter Internet-Besteller. Die nehmen den akutversorgenden Apotheken entscheidende Packungsmengen weg. Ein Verbot zumindest des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln würde da wenigstens für die Zukunft helfen. Das steht im Koalitionsvertrag. Doch Gesundheitsminister Spahn mauert.

 

Und so bleibt alles, wie es ist. Bis zum heutigen Tag haben die Patienten in Berlin keine Fürsprecher, keinen Anwalt. Nicht in den Krankenkassen, nicht in den Verbraucherschutzorganisationen, nicht in den Parteien. Und auch nicht im Gesundheitsministerium. Das ist geprägt vom jahrzehntelangen Kampf gegen die Apotheken. Niemand bricht da aus. Wie gelähmt starrt man auf das Modewort „Digitalisierung“. Und blendet das millionenfache Päckchenpacken und die Millionen Einzellieferungen dahinter aus, die mit Digitalisierung nun wirklich nichts zu tun haben.

 

Die einzigen Anwälte der Patienten in Deutschland sind die Apotheken. Nicht nur aus wirtschaftlichem Eigeninteresse. Das auch. Aber mehr noch, weil die Apothekerinnen und Apotheker es als ihre gemeingesellschaftliche Pflicht ansehen, auf die wachsenden Risiken einer dünner werdenden Apothekenlandschaft unermüdlich hinzuweisen.

 

Sie werden es auch weiterhin tun. Bis jemand zuhört, begreift und handelt.

Kommentar: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Das Spiel ist vorbei. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte sich auf dem Bundesparteitag der CDU auch um den Parteivorsitz beworben. Doch er schied als Drittbester im ersten Wahlgang aus. Mit immerhin 157 Stimmen. Das ist ein respektables Ergebnis.

 

Spahn wird es verschmerzen. Mit 38 Jahren hat er noch viel Zeit. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Sagte einst der legendäre Fußballbundestrainer Sepp Herberger. Also zunächst einmal Rückkehr in den Alltag als Gesundheitsminister. Und die Dinge abarbeiten, die auf der Agenda des Koalitionsvertrages noch offen sind. Wie zum Beispiel das Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln.

 

Für die Apotheken ist das Spiel nicht vorbei. Sie kämpfen weiter. Für die Apotheke vor Ort. Für die sichere Akutversorgung.

Für die Patienten.