Sie sind hier: Aktuelle Ausgabe
9.12.2019

Eiszeit

Die AOK hat für die Vor-Ort-Apotheken nichts übrig      

Eigentlich hat die AOK in den letzten Jahrzehnten manches richtig gemacht. Aus der „Allgemeinen Ortskrankenkasse“, der Krankenversicherung für die „kleinen Leute“ vor Ort, die Geringverdiener, die Arbeiter, die Rentner, wurde eine bundesweit beachtete starke Krankenkasse. Das liegt nicht nur an dem Gewicht aller Ortskrankenkassen insgesamt. Die elf rechtlich selbständigen AOKen versorgen heute immerhin 27 Millionen Bürger – gut ein Drittel aller Versicherten.

 

Die unbestrittene Bedeutung der AOK innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ergibt sich auch aus ihrer rechtlichen Struktur. Die verleiht der AOK eine besondere politische Macht. Zwar sind die Ortskrankenkassen auch Körperschaften des öffentlichen Rechts. Doch anders als die übrigen Krankenkassen in der GKV sind sie dort, wo sie tätig sind, dem Gesundheitsminister des jeweiligen Bundeslandes unterstellt. Und die Landesgesundheitsminister beschützen „ihre“ AOK gegen jeden Angriff von außen. 

 

Dieser Schutzwall funktioniert. Wie vor wenigen Wochen noch zu erleben. Anfang 2020 soll das „Gesetz für einen fairen Kassenwettbewerb in der GKV“ in Kraft treten. Damit will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Wettbewerb der Kassen untereinander stärken. Auch eine bundesweite Öffnung aller Ortskrankenkassen für den Eintritt neuer Mitglieder war vorgesehen. Bis jetzt kann ein Versicherter, der zur AOK wechseln will, nur in die AOK seines jeweiligen Bundeslandes eintreten. Das soll auch so bleiben, meinten die  Gesundheitsminister der Länder. Und lehnten die bundesweite Öffnung für ihre Ortskrankenkassen ab. Bundesgesundheitsminister Spahn gab klein bei.

 

Während die AOK also die eigenen Strukturen nicht angetastet wissen will, sieht sie immer wieder Handlungsbedarf in Bezug auf die Strukturen anderer Teilnehmer am Gesundheitssystem. Unverdrossen meldet sie sich mit Stellungnahmen und Vorschlägen zu Wort. Auch zu den Problemen der Arzneimittelversorgung und des Apothekenmarktes. Wie vor kurzem in einem Zeitungsartikel mit dem Titel „Rezepte für die Apothekenreform“. Erschienen in der AOK-Zeitschrift „Gesundheit und Gesellschaft“. Der versucht sich an einer Analyse der Probleme der Arzneimittelversorgung auf dem Lande. Doch Halbwahrheiten, Verdrehungen, Polemik und das Totschweigen der wahren Ursachen – wie in besagtem Artikel – helfen nicht weiter.

 

Die ordnungsgemäße Akutversorgung der Bevölkerung auf dem Lande mit Arzneimitteln ist gefährdet, ohne Zweifel. Und nicht nur die auf dem Lande. Auch die im Umland der großen Städte, in den Vororten. Denn eine Apotheke nach der anderen muss schließen. Doch die AOK verschweigt die wahren Ursachen. Seit Jahren wandern hohe Packungszahlen apothekenpflichtiger Produkte ab in den Versandhandel. Und inzwischen auch ein Teil der rezeptpflichtigen Arzneimittel. Personalentlassungen zur Kostensenkung kommen nicht infrage. Über 27 000 Rabattverträge, die die gesetzlichen Krankenkassen mit Pharmaherstellern geschlossen haben und die von den Apotheken umgesetzt werden müssen, zahllose Lieferengpässe von Arzneimitteln und ein permanent steigender Beratungs- und Verwaltungsaufwand fordern ihren arbeitsmäßigen Tribut. Was fehlt, ist Rendite.

 

Stattdessen strickt die AOK an einer Legende. Der wahre Grund für das Apothekensterben auf dem Lande sei der Mangel an Apothekern und pharmazeutischem Personal, hervorgerufen durch den „Wertewandel des Nachwuchses“. Der hätte den Wunsch, sein berufliches Leben in  den Ballungszentren zu verbringen. Eine Verdrehung der Tatsachen. So macht man die Folgen falscher Politik zur Ursache. Eine rentable Vor-Ort-Apotheke auf dem Land ist immer attraktiv. Für Apotheker und für den Nachwuchs. Nur wer hier keine Zukunft sieht, will in die Stadt.

 

Doch die AOK hat die Lösung für die Versorgungsprobleme längst anderweitig parat. Sie setzt auf die Digitalisierung der Welt. Die müsse jetzt endlich Einzug halten – insbesondere auf dem Lande. Und so propagiert die AOK in ihrem Artikel vehement den Arzneimittelversandhandel, den ausländischen zumal. Der könne die Versorgungsprobleme lösen. Ebenso wie Arzneimittelabgabeautomaten. Einer war in einem kleinen Ort in Baden-Württemberg installiert worden. Natürlich von DocMorris. Bis er vom Gericht nach deutschem Recht verboten wurde. „Innovationsfeindlich“ nennt die AOK das.

 

Diese einseitige Fixierung auf den ausländischen Arzneimittelversandhandel teilt die AOK allerdings mit vielen anderen gesetzlichen Krankenkassen. In Wirklichkeit geht es um Geld. Viel Geld. Geld, das fließen soll, wenn erst einmal das Elektronische Rezept (E-Rezept) funktioniert. Dann wird das E-Rezept – so die Erwartung – in Massen ins Ausland wandern. DocMorris rechnet mit einer Verdoppelung seines Umsatzes. Und die Kassen mit den Rabatten und Boni, die deutsche Apotheken nicht zahlen dürfen. Preisnachlässe auf   Rezepte gehören nach Meinung der AOK sowieso den Krankenkassen. Und nicht den bestellenden Patienten.

 

Welche negativen Folgen diese massive Befürwortung, ja, Unterstützung des ausländischen Arzneimittelversandhandels hat, wird von der AOK ausgeblendet. Bewusst. Es wandere ja seit Jahren nur 1 Prozent des Rezeptumsatzes in den Versandhandel ab. Insofern seien die Vor-Ort-Apotheken nicht gefährdet. Nicht gefährdet? Eine solche Analyse ist unseriös. Sie beschönigt einen Zustand, der Tag für Tag eine Apotheke in die Schließung treibt. Und sie vernachlässigt die Dynamik der Zeit. Von heute auf morgen kann sich bei neuer, noch versandhandelsfreundlicherer Gesetzeslage alles ändern. Fürs Gegensteuern ist es dann zu spät.

 

So entpuppt sich denn das Ganze als ein gigantisches Ablenkungsmanöver? Es soll nicht sichtbar werden, dass es beim Einsatz für den ausländischen Versandhandel um Geld geht? Und nicht um das Wohl der Patienten? Baut die AOK deshalb in ihrem Artikel einen weiteren Scheinriesen auf? Einen massiven Reformbedarf für die Apotheken habe sie festgestellt. Eine „Apothekenreform“ sei notwendig. Eine „Flexibilisierung“ der Apotheken fordert sie. Eine Abwendung vom „Standardbetriebsmodell“ sei fällig. Kein Labor mehr in jeder Apotheke, Zentralisierung der Herstellung von Rezepturen, Aufhebung des Mehrbesitzverbotes, wonach ein Apotheker maximal vier Apotheken betreiben darf, um seiner persönlichen Verantwortung gerecht werden zu können. Das „Standardmodell einer vollversorgenden Apotheke“ könne nicht mehr das leisten, was in der Fläche gefordert sei.

 

Eine solche Abwertung pharmazeutischer Leistungen hat es lange nicht mehr gegeben. Ein Schlag ins Gesicht der Vor-Ort-Apotheken, die Tag und Nacht die Akutversorgung der Patienten mit Beratung und Arzneimitteln aufrechterhalten. Und sicher nicht im Sinne der vier Millionen Kunden und Patienten, die täglich eine Vor-Ort-Apotheke betreten. Wenn die AOK die Akutversorgung dieser Menschen für überflüssig hält, sollte sie es laut und deutlich sagen. Wenn nicht, sollte sie alles tun, damit nicht nur ihre 27 Millionen Versicherten im akuten Krankheitsfall auch morgen noch eine Apotheke finden.

 

Doch die AOK macht nicht den Eindruck, dass ihr die akutversorgende Vor-Ort-Apotheke am Herzen liegt. Ein Versandhandelsverbot für rezeptpflichtige Arzneimittel wird es ihrer Meinung nach nicht geben. Darf es nicht geben. Davon zeugen Formulierungen in dem besagten Artikel wie „Die Pharmazeuten fordern ein absolutes Verbot. Weil das nicht möglich ist ...“. Wieso ist das nicht möglich? Oder an anderer Stelle: „... die nicht erfüllbare Forderung der Apotheken nach einem Versandhandelsverbot ...“.

 

Wieso „nicht erfüllbar“? Der Auftrag zur Umsetzung des Versandhandelsverbots für rezeptpflichtige Medikamente steht im Koalitionsvertrag. Und die Bundesländer sind ebenfalls für ein Verbot. So wie mehr als 400 000 Unterzeichner einer Petition des Pharmaziestudenten Benedikt Bühler. Doch das ist nicht die Mehrheit. Solange Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dagegen ist. Aus welchen Gründen auch immer. Wenigstens da ist sich die AOK mit Spahn einig.

 

Ja, es besteht Reformbedarf. Dringend. Aber nicht der, den die AOK propagiert. Die Vorschläge der AOK lösen die Probleme nicht, sie verschärfen sie noch. Denn die Stärkung des Arzneimittelversands führt zur Schwächung der Vor-Ort-Apotheke. Eine verantwortungsvolle Gesundheits- und Versorgungspolitik darf aber nicht weiter hinnehmen, dass das Netz der akutversorgenden Vor-Ort-Apotheken dünner und dünner wird. Ja, sie muss etwas tun, um die Bevölkerung vor den immer drängender werdenden Versorgungslücken zu bewahren. Doch nicht „neue Betriebsformen“ der Apotheken, nicht Arzneimittelautomaten, nicht ausländische Arzneimittelversandkonzerne sind die Lösung. Sondern eine mutige Entscheidung. Für ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln.

 

Hat sich die AOK mit ihrem Artikel „Rezepte für die Apothekenreform“ einen Gefallen getan? Eher nicht.

 

Als größte deutsche Krankenkasse hat sie überdeutlich gezeigt, dass sie nicht bereit ist, die Verantwortung für den Erhalt und die Stärkung einer flächendeckenden Akutversorgung durch die Vor-Ort-Apo­theken mitzutragen.

 

Damit müssen die Patienten leben.

Kommentar: Wieso Innovationskraft?

Es gibt elf Allgemeine Ortskrankenkassen in Deutschland. Die sind den Gesundheitsministern der jeweiligen Bundesländer unterstellt. Die Gesundheitsminister passen auf, dass die AOK sich im Sinne des Landes verhält.

 

Die aber wirft in einem Zeitungsartikel den deutschen Apothekern vor, sie hätten Ängste vor der „Innovationskraft des ausländischen Wettbewerbers“. Innovationskraft? Das hört sich bewundernd an. Mit dem „ausländischen Wettbewerber“ meint die AOK den Arzneiversandkonzern DocMorris. Der zieht mit Rabatten und Boni die Arzneimittelumsätze über die Grenze. Das schwächt die akutversorgenden deutschen Vor-Ort-Apotheken. Und ist alles andere als innovativ.

 

Den Landesgesundheitsministern kann die Bewunderung der AOK für den Arzneimittelversand nicht schmecken. Schließlich tragen sie auch die Verantwortung für eine ordnungsgemäße Akutversorgung der Bevölkerung durch die Vor-Ort-Apotheken ihres Bundeslandes.