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30.5.2020

„Die Welt danach wird eine andere sein“

Lernen aus der Corona-Krise. Geht das?

Bewegte Zeiten erfordern bewegende Worte. „Seit der deutschen Einheit – nein – seit dem zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt“. Mit dem dramatischsten Fernsehappell ihrer Regierungszeit schwor Bundeskanzlerin Angela Merkel die geschockte Öffentlichkeit auf entbehrungsreiche Pandemie-Zeiten ein. Und in seiner Osteransprache gab sich Bundespräsident Frank Walter Steinmeier zutiefst überzeugt: „Die Welt danach wird eine andere sein.“ Wirklich?

 

Auf die „Herausforderung an unser Land“ waren wir nicht vorbereitet. Einerseits schafften es die Kliniken, in kurzer Zeit die Zahl der Intensivbetten von 20 000 auf 30 000 zu erhöhen. Das war ein organisatorischer Kraftakt. Andererseits waren Atemschutzmasken, Schutzanzüge und Desinfektionsmittel für die Ärzte und die Pflegekräfte in Krankenhäusern und Heimen nach wenigen Tagen aufgebraucht. Oft  nur unzureichend geschützt versahen sie weiterhin ihren gefahrvollen Dienst.

 

Versäumnisse der Vergangenheit lassen sich nur schwer korrigieren. Verzweifelt versuchten Krankenhäuser, Altenheime, Behörden, die Ländergesundheitsminister, ja selbst der Bundesgesundheitsminister, in der ganzen Welt jede noch so kleine, noch so teure Menge an Schutzmasken zu ergattern. Und die Fassungslosigkeit war groß darüber, dass jetzt die Stunde der Geschäftemacher schlug. Preise verzehnfachten, verhundertfachten sich. Frachtraten explodierten. Doch kaufen musste man ja.

 

Die Politik scheint daraus gelernt zu haben. Etwa, dass der Preis nicht alles ist. Die Lieferung von Atemschutzmasken und Schutzkleidung zu Billigstpreisen war bisher die Domäne chinesischer Hersteller. Reißt die Lieferkette, kann das in Pandemie-Zeiten tödliche Folgen haben – im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist das Verdienst des Corona-Virus, diese fatale Abhängigkeit drastisch sichtbar gemacht zu haben. Im Auftrag der  Regierung fertigen jetzt deutsche Unternehmen Atemschutzmasken, Schutzkleidung, Desinfektionsmittel. Auch die Apotheken. Doch ist das ein dauerhaftes Geschäftsmodell? Irgendwann wird China den Markt wieder mit Dumpingpreisen überfluten. Und irgendwann wird man auch wieder sparen müssen.

 

Aber noch etwas anderes lässt sich aus dem Einkaufsdesaster lernen. Der Markt hat gezeigt, was geschieht, wenn lebenswichtige Güter knapp sind und die Preise frei. Sie steigen in astronomische Höhen. Was für Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel gilt, gilt erst recht, wenn rezeptpflichtige Medikamente knapp würden und die Preise auf dem Apothekenmarkt frei wären. Bis jetzt kann das in Deutschland nicht passieren. Die Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel – bundesweit gleiche Arzneimittelpreise für die gesetzliche und die private Krankenversicherung – verhindert eine Preisexplosion. Werden lebenswichtige Arzneimittel knapp, aus welchen Gründen auch immer, können die Preise nicht in die Höhe schießen. Von Flensburg bis Berchtesgaden der gleiche Preis. Auch in Krisensituationen. Auch bei einer Pandemie.

 

Doch vor Corona sah Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nur die Möglichkeit, auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum Thema „Arzneimittelpreise“ zu reagieren, indem die einheitliche Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimit-tel in Deutschland abgeschafft werden sollte. Bewahrt werden soll sie nur für die Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung. Für die Privatversicherten soll die Preisbindung dagegen aufgehoben werden. Dass die Regeln des Marktes brutal sein können, hat man jetzt gesehen. Freie Preise für rezeptpflichtige Arzneimittel für einen Teil der Versicherten? Ein unkalkulierbares Risiko. Hektisches Überbieten beim Verteilungskampf um knappe Impfstoffe während einer Pandemie? Ein Albtraum. Wer am meisten zahlt, wird geschützt? Das ist sozialer Sprengstoff.

 

„Die Welt danach wird eine andere sein“. Wirklich? Ist in dieser neuen, anderen Welt nach Corona vorstellbar, dass Spahn seinen Plan aufgibt, die einheitliche Preisbindung für rezeptpflichtige Arzneimittel abzuschaffen? Dass er sich vielleicht sogar an den Koalitionsvertrag erinnert? Darin steht nämlich, dass zwischen den Koalitionspartnern vereinbart ist, den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten zu verbieten. Der nimmt den Apotheken die Umsätze weg. Mit dem Verbot sollte das Apothekensterben endlich gestoppt werden. Denn alle 31 Stunden muss eine Apotheke schließen. Dreihundert pro Jahr. Aus Rentabilitätsgründen und ohne Perspektive für einen Nachfolger.

 

In zehn Jahren weitere dreitausend Apothekenschließungen? Zehn Jahre sind schnell vorbei. Für die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung wäre das eine Katastrophe. Eines hat die Corona-Pandemie deutlich gezeigt: Die Apotheke ist nicht nur in solchen Krisenzeiten wichtigster Anlaufpunkt der Bevölkerung. Wenn auch dann ganz besonders. Denn helfen, erklären, beruhigen und beraten war millionenfach gefragt. Und Alternativen aufzeigen, wenn  das verschriebene Arzneimittel nicht lieferbar war. Und Desinfektionsmittel herstellen. Und Medikamente nach Hause liefern, um dem Patienten den Weg mit einem möglichen Infektionsrisiko zu ersparen.

 

Doch wenn Menschen zuhause bleiben müssen, schlägt auch die Stunde der Versandhändler. Amazon wurde mit Aufträgen überrollt. Kein Wunder, dass auch die Arzneimittelversender boomten. Doch mit welcher Leistung? Keine persönliche Beratung, keine Betreuung, kein sofortiges Aushändigen des Medikaments oder tagesgleiches Nach-Hauseliefern. Nur simples Versenden. Die Lieferung oft in Teilmengen und nach Tagen. Und nicht selten unter fragwürdigen Sicherheitsbedingungen. Denn seit dem Höhepunkt der Pandemie verzichten Boten an der Haustür auf Unterschrift und persönliche Aushändigung. Wegen Corona für beide Seiten zu gefährlich. Und was ist mit der Arzneimittelsicherheit?

 

Die ausländischen Arzneimittelversandkonzerne – allen voran DocMorris und die Muttergesellschaft Zur Rose Group AG – jubilieren. Sie reden vom „Corona-Effekt“. Der beschleunige den Umstieg des Verbrauchers in den Versandhandel. Sie, die keinen nennenswerten Beitrag leisten zur Finanzierung des deutschen Gesundheitssystems, genießen das gigantische Umsatzplus aus den Hamsterkäufen von nicht rezeptpflichtigen Medikamenten gegen Schmerzen, Erkältungen, Grippe, Desinfektionsmittel. Und wie Amazon sind sich auch die Arzneimittelversender sicher, dass die in der Krise gewonnenen Kunden in Zukunft bleiben werden. Mit Umsätzen, die die deutschen Apotheken dauerhaft verlieren.

 

Dass es weitergehen wird mit der Erfolgsstory des Arzneimittelversandhandels, davon ist der Chef der Zur Rose Group, Walter Oberhänsli, überzeugt. Er rechnet damit, den deutschen Apotheken demnächst auch 10 Prozent des rezeptpflichtigen Umsatzes abzunehmen. Man warte nur noch auf das „E-Rezept“, das elektronische Rezept. Dann kann der Patient sein Rezept mit einem Fingertip versenden. Natürlich zum Versandhandel – hofft Oberhänsli. Das würde das Apothekensterben noch rasant beschleunigen. Doch die Pandemie hat auch gezeigt: Das Gesundheitssystem ist nicht Europa-Sache, es ist zutiefst nationale Angelegenheit. Das zeigt sich auch an neuen Äußerungen des Europäischen Gerichtshofes. Ein Hoffnungsstrahl für ein Verbot des Versandhandels von rezeptpflichtigen Medikamenten?

 

Die Politik dankte denn auch den Apotheken für ihren hohen Einsatz während der schlimmsten Pandemiezeiten. Doch es geht ihnen wie dem Pflegepersonal in Krankenhäusern und Altenheimen, die auch für ihren gefährlichen Job gelobt wurden. „Ich kann dieses ganze sonntägliche ‚Danke an alle Pflegekräfte, die aufopferungsvoll gegen das Coronavirus im Einsatz sind‘ aus Regierungsmund nicht mehr hören. Gebt endlich mehr Geld ins System für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Das wäre echter, gerechter Dank!“. Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, machte so auf Twitter seinem Unmut Luft.

 

Natürlich tut Lob gut, doch das ist kein Ersatz für verantwortungsvolles Handeln seitens der Politik. Das gilt für die leistungsgerechte Bezahlung für die Pflegekräfte in Kliniken und Heimen. Und nicht nur für sie. Das gilt auch für die Krankenhäuser, denen Jahr für Jahr vier Milliarden Euro für Investitionen seitens der Bundesländer vorenthalten werden. Nie wieder sollten Häuser wie die AGAPLESION Diakonie Kliniken Kassel einen Spendenaufruf starten müssen, um mobile Ultraschallgeräte anzuschaffen. Das gilt genauso für  die verkommenden Schulen mit ihren katastrophalen Sanitäreinrichtungen. Wie sollen Schüler da die geforderten hygienischen Corona-Standards einhalten? Und das gilt für den Erhalt einer flächendeckenden Arzneimittelversorgung.

 

Nur wenn wir aus der Corona-Pandemie lernen, wird die Welt eine andere sein. Können wir das? Wollen wir das? Und kann und will das auch die Politik?

Kommentar: Experten

Experten allerorten. Erst war das neue Corona-Virus SARS-CoV-2 nicht so schlimm, dann besonders gefährlich. Erst brachte eine Impfung gegen Lungenentzündung keinen Schutz gegen das Virus, dann ließ sich die Kanzlerin mitten in der Pandemie dagegen impfen. Erst halfen Atemschutzmasken überhaupt nicht gegen eine Ansteckung, dann nur zum Schutz der anderen, schließlich wurde das Tragen für alle dringend empfohlen. Selbstgenähte Stofflappen und Kaffeefilter eingeschlossen. Verteidigte der eine Virologe die Regierung, kritisierte der andere medienverliebt irgendwelche Maßnahmen als zu früh oder zu spät oder zu gefährlich.

 

Und was war mit dem Bonner Wissenschaftler Professor Hendrik Streek, der versuchte, durch systematische Untersuchungen vor Ort möglichst schnell Schlüsse aus dem ersten „Hotspot“ in Deutschland zu ziehen? Die anderen Experten fielen über ihn her: vorschnelle Präsentation, mangelhafte Stichprobe, unklare Methodik, unbrauchbares Ergebnis.

 

Notwendige wissenschaftliche Diskussion oder Selbstprofilierung?