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25.2.2020

Dramatische Lieferausfälle bei Arzneimitteln

Ein gordischer Knoten? Wie man ihn lösen könnte.

Legenden haben nicht selten einen wahren Kern. Der „Gordische Knoten“, der Sage nach geknüpft vom antiken König Gordios um 700 vor Christus, verband dessen Streitwagen unlösbar mit der Deichsel. Wer den Knoten lösen könne – so die Legende – werde Herrscher über Kleinasien. Jahrhunderte lang versuchten es viele kluge Köpfe – vergeblich. Bis der griechische Feldherr Alexander der Große kam. Das war im  Jahre 333 vor Christus. Er nahm sein Schwert und hieb den Gordischen Knoten durch. Unkonventionell, aber erfolgreich. Anschließend eroberte er ganz Kleinasien.

 

Die Legende lebt. Bis zum heutigen Tag gilt ein „gordischer Knoten“ als eine komplexe und komplizierte Angelegenheit. Im Privatbereich, im Geschäftsleben, in der Politik. Fast nicht zu lösen. Jedenfalls nicht auf normale Art. Lösungen sind nur möglich mit einem rigorosen Umdenken. Und einem besonderen Kraftakt. Dazu braucht es Mut und Durchsetzungsstärke.

 

Auch das Gesundheitswesen kennt gordische Knoten – anscheinend unlösbare Probleme. Die verworrene und fast schon verzweifelte finanzielle Situation im Krankenhausbereich zum Beispiel, die personalpolitisch hoffnungslose Lage in der Altenpflege, das ungebremste Apothekensterben. Alle Reformen oder Reformversuche in diesen Bereichen sind bisher gescheitert. Was nötig wäre? Jedenfalls kein Herumkurieren an Symptomen. Da hilft nur ein unkonventioneller Neubeginn.

 

Die aktuellen drastischen Lieferausfälle im Arzneimittelbereich stellen sich ebenfalls als ein perfekter gordischer Knoten dar. Kliniken, Ärzte, Apotheken und Patienten klagen über dramatisch zunehmende Lieferengpässe selbst lebenswichtiger Medikamente. Schuld an der Misere sind vordergründig die Krankenkassen. Eigentlich aber die Politik. Sie hat vor zwei Jahrzehnten gesetzlich dafür gesorgt, dass aus patientenorientierten Dienstleistern profitorientierte Einkaufsorganisationen wurden. Zur Kasse gebeten wurden die Arzneimittelhersteller. Heute steuern die Kassen die Versorgung ihrer Versicherten mit den notwendigen Medikamenten über 27 000 (!) Rabattverträge. An erster Stelle steht dabei immer das finanzielle Wohl der Krankenkassen. Das Wohl der Patienten rutschte im Laufe der Zeit immer weiter nach hinten.

 

Was die Kassen an den Rabattverträgen verdienen, fehlt der Pharmaindustrie. Sie handelte. Aus Kostengründen überließ sie die Produktion von Wirkstoffen und Arzneimitteln einigen wenigen Unternehmen in Ländern des Fernen Ostens – wie Indien und China. Die fertigen inzwischen den Gesamtbedarf lebenswichtiger Grundstoffe und Arzneimittel für die ganze Welt. Wenn von dort eine Unterbrechung der Lieferkette gemeldet wird – aus welchen Gründen auch immer – kann man nichts tun, nur hoffen. Einkaufsalternativen gibt es nicht. Eine sehr komplexe und gefährliche Gemengelage.

 

Wollen wir den gordischen Knoten der dramatischen Lieferausfälle durchschlagen, müssen wir zwei Problembereiche anpacken und neu organisieren. Zum einen muss die totale Abhängigkeit im Arzneimittelnachschub von den politisch alles andere als demokratischen Drittstaaten beendet werden. Es gilt, die Kontrolle über das hygienische, produktionstechnische und soziale Umfeld für die Wirkstoff- und Arzneimittelproduktion zurückzugewinnen. Ausbeutung und Kinderarbeit aufgrund anderer Mentalitäten und sozialer Zwänge dürfen heute keine Rolle mehr als Einkaufsvorteil spielen. Dafür kann es nur eine Lösung geben. Zurück mit der Produktion nach Europa.

 

Zum anderen muss die Ramschpreis-Situation für Arzneimittel in Deutschland aufgrund der Rabattverträge umgehend beendet werden. Das aber geht nur, wenn den Krankenkassen die Möglichkeit zum Abschluss von Rabattverträgen wieder genommen wird. Die wiederum kommen aufgrund der Ausschreibungen zustande. Mit anderen Worten – Ende der Ausschreibungen! Sie haben im Verlauf von nur zwanzig Jahren die Arzneimittelversorgung der gesamten Bevölkerung in eine gefährliche Situation gebracht. Sie nicht zu entschärfen, wäre unverantwortlich.

 

Problem Nummer 1 also – Verlagerung der Produktion von Wirkstoffen und Arzneimitteln zurück nach Europa, nach Deutschland. Wenn die Kapazität weniger Unternehmen in Fernost für die ganze Welt ausreicht, braucht man hierzulande auch nur wenige Produktionsstätten für die gleiche Leistung. Ist die Entscheidung für einen Neubeginn gefallen, gilt es, Pharmahersteller, Bundesländer und Kommunen für diese bedeutenden Investitionen zu gewinnen. TESLA, der Hersteller von E-Automobilen, zeigt gerade in engem Schulterschluss mit dem Bundesland Brandenburg, wie man eine neue Fabrik in kürzester Zeit aus dem Boden stampft.

 

Nagelneue Werke, ausgerüstet mit modernsten Maschinen – für die Arzneimittelhersteller wäre das ein Befreiungsschlag. Raus aus den immerwährenden negativen Schlagzeilen. Raus aus dem ungeliebten und nie vollständigen Meldesystem für Arzneimittelausfälle. Auch damit könnten sie beweisen, wie ernst sie ihren Versorgungsauftrag für die Bevölkerung nehmen. Das Produktions-Knowhow dazu ist sicher vorhanden. Zwar wird es ohne massive Subventionen der öffentlichen Hand nicht gehen. Doch gerade jetzt, wo die Steuerquellen lebhaft sprudeln, ist die Zeit günstig.

 

Kritiker könnten dem entgegenhalten, dass die Europäische Union Subventionen für die Rückholung der Produktion nicht akzeptieren würde. Doch handelt es sich hier nicht um irgendein beliebiges Marktgeschehen. Hier geht es um die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung für die nächsten Jahrzehnte. Die muss gesichert werden. Auch um den Preis der Genehmigung von Subventionen. Übrigens unterstützt China seine Exportbetriebe massiv mit Subventionen. Deshalb sind auch die extrem niedrigen Preise für Wirkstoffe und Arzneimittel aus chinesischer Produktion nicht nachvollziehbar.

 

Letzten Endes weiß niemand, wo und wann der nächste Produktionsausfall aus technischen, qualitätskritischen oder katastrophenbedingten Gründen wieder zu lebensbedrohlichen Lieferausfällen führt. Und nichts spricht dafür, dass knappe Produktionsmengen den Weg nach Deutschland finden, wenn andere Länder höhere Preise zahlen. Kann die EU dafür die Verantwortung übernehmen? Da ist auch die deutsche Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen gefordert.

 

Das Problem Nummer 2 – angemessene Preise für die pharmazeutischen Hersteller – ist ungleich schwieriger zu lösen. Fallen die Ausschreibungen weg, sind die Hersteller frei in ihrer Preisgestaltung. Allenfalls gebremst durch den Wettbewerb untereinander. Das kann aber nicht Grundlage einer vernünftigen Arzneimittelpolitik sein. Denn grundsätzlich dürfen auch die Ausgaben für Arzneimittel nicht aus dem Ruder laufen. Also muss ein anderes Preissystem her. Doch wie könnte das  aussehen? Wie vor der Zeit der Ausschreibungen? Arzneimittelpreise durch einseitige Diktate der Krankenkassen? Mit regelmäßigen Anpassungen nach unten? Das kann keine Lösung sein. Die Preise müssen verhandelt werden. Notfalls mit Hilfe eines Schiedsgerichts.

 

Auch den Krankenkassen muss inzwischen klar sein, dass sie genauso am Pranger der öffentlichen Meinung stehen wie die Pharmaindustrie. Es gilt, das Vertrauen der Patienten in eine gesicherte Arzneimittelversorgung wiederherzustellen. Das hat in letzter Zeit massiv gelitten. Es gilt aber auch, Vertrauen der Arzneimittelhersteller und der Apotheken zu den Krankenkassen wieder aufzubauen. Das kann nur im Konsens geschehen. Wir leben in  einer Zeit, in der die großen Probleme in der Klimapolitik, der Industriepolitik oder der Migrationspolitik nicht mehr gegeneinander, sondern nur in Verhandlungen zu lösen sind. Das sollte auch Maßstab für die Gesundheitspolitik sein.

 

Die Aufwendungen für die Arzneimittelversorgung werden steigen, ohne Zweifel. Dafür werden andere Kosten wegfallen. 27 000 Rabattverträge und zahllose Ausschreibungen jedes Jahr erfordern einen immensen Verwaltungsaufwand. In den Kassen ist dafür ein riesiger Kostenblock entstanden. Auch durch Verlagerung der Arbeiten an externe Dienstleister. Aber Transparenz der Kosten war nie ein Thema. Ganz zu schweigen von den Kosten für die Apotheken. Auch dort müssen 27 000 Rabattverträge verwaltet und erklärt werden. Mit aufwendigen Softwareprogrammen und unter Einsatz aller Mitarbeiter.

 

Den gordischen Knoten der gefährlichen Arzneimittellieferprobleme durchschlagen? Das geht nur mit einem Neuanfang. Krankenkassen, Arzneimittelhersteller, Pharmagroßhandel, Ärzte und Apotheken an einen Tisch. Mit dem festen Willen, Schluss zu machen mit einem aus dem Ruder gelaufenen System. Unter Leitung des Bundesgesundheitsministers.

 

Eine Mammutaufgabe. Aber mit einem leuchtenden Vorbild. Alexander der Große hat gezeigt, wie es geht.

Kommentar: Sale, Sale, Sale?

Kein Schaufensterbummel ohne „Sale, Sale, Sale“. Kein Katalog ohne „Sale, Sale, Sale“. Kein Stöbern im Internet ohne „Sale, Sale, Sale“. Rabatte, Rabatte, Rabatte. Billig, billig, billig. Eine ganze Nation ist auf dem Weg zum Ramsch. Und sie ist begeistert.

 

Begeistert sind auch die Krankenkassen. Sie haben den Pharmafir­men ungeahnte Rabatte abgeknöpft. Sie konnten das, weil sie Monopolisten waren. Die einzigen Kunden. Wo sonst hätten die Hersteller ihre Tabletten verkaufen können? Jetzt sitzen die Kassen auf einem Geldsack von 30 Milliarden Euro.

 

Den eigentlichen Preis zahlen andere. Den zahlt die Bevölkerung. Mit der Unsicherheit in der Arzneimittelversorgung. Mit der Sorge vor Lieferausfällen lebenswichtiger Medikamente. Mit der Gesundheit.

 

Schluss mit Sale.