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22.2.2019

Risiken und Nebenwirkungen

Für die Presse ist es schwer, die Folgen des Arzneimittelversands zu durchschauen

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Deutschlands führende Tageszeitung, macht es in einem aktuellen Artikel vor. So einfach kann man mit dem Thema „Apothekensterben“ umgehen, wenn man nicht zum Kern der harten Auseinandersetzung zwischen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und den deutschen Apotheken kommt. Dabei geht es um nichts weniger als die existenzielle Frage, wie eine flächendeckende Versorgung der Patienten mit Arzneimitteln im akuten Krankheitsfall jetzt und in Zukunft für ganz Deutschland gesichert werden kann.

 

„Risiken und Nebenwirkungen“. Unter diesem Titel bringt die FAZ den Artikel in ihrer Ausgabe vom 10. Januar 2019 prominent auf Seite 3. Um die Apotheken geht es und um den Arzneimittelversand. Wie immer bei der FAZ – intensiv recherchiert und gut geschrieben. Der Autor, Kim Björn Becker, ist sogar zu den Quellen gereist. In der Seume-Apotheke in Leipzig hat er mit dem obersten Apotheker Deutschlands, Friedemann Schmidt, gesprochen. Schmidt ist Apotheker in seiner Apotheke. Und gleichzeitig Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. Das ist die Spitzenorganisation der Apotheker mit Sitz in Berlin.

 

Bei der FAZ geht es gerecht zu. Deshalb ist der Redakteur auch nach Heerlen in Holland zu DocMorris gereist. Dort hat er sich den Betrieb zeigen lassen. Und er hat sich Informationen von Max Müller geholt. Müller ist Vorstandsmitglied des größten Arzneimittelversenders Europas. Ihn zeichnet aus, dass er einmal mit Gesundheitsminister Spahn sehr eng zusammengearbeitet hat. Da war Spahn allerdings noch nicht Gesundheitsminister. Sie hatten eine gemeinsame Firma. Doch gegenüber Journalist Becker wiegelt Müller ab. Sein Draht zu Spahn sei längst nicht mehr so kurz wie früher. Das kann sein. Schließlich muss Spahn als Minister seine Drähte jetzt sorgfältig sortieren. Aber auch längere Drähte können funktionieren.

 

Der Artikel in der FAZ ist dann eigentlich keine Überraschung. Eine nicht sehr ausgewogene Berichterstattung mit Seitenhieben gegen  die Apotheken. Der Beruf zehre von seiner Tradition, schreibt Becker: „Teil dieser Tradition ist das Bild des Apothekers als sorgsam arbeitender Heilkundler, das verträgt sich schwer mit der Industrialisierung, wie sie große Versender vorleben“. Damit folgt er dem gängigen Muster der Medien und vieler Politiker, die „sorgsam arbeitenden Heilkundler“ als die ewig Gestrigen darzustellen, während das Packen, Versenden und Anliefern von Millionen Päckchen als „das Vorleben von Industrialisierung“ gelobt wird. Umweltschutz und Verkehrsinfarkt ausgeblendet.

 

Doch es gibt einen eklatanten Unterschied zwischen Arzneimitteln und den üblichen Produkten im Versandhandel. Nur wer ihn leugnet oder nicht kennt, kann für den Medikamentenversand sein. Arzneimittel – rezeptpflichtige zumal – sind Waren besonderer Art. Zeitnahe persönliche Beratung, Kontrolle und Betreuung der Patienten sind ein absolutes Muss. Arzneimittel werden vom Arzt für das individuelle Krankheitsbild des Patienten verschrieben. Sie unterliegen in ihrer Einnahme strengen pharmazeutischen Regeln. In Überdosierung haben sie starke Abhängigkeiten zur Folge. Mit schweren Folgen für die Gesundheit. In falsche Hände geraten, können sie tödliche Wirkung haben.

 

All das kann im Versandhandel nicht passieren? Wo leben wir denn? All das passiert jeden Tag. Ist es realistisch zu glauben, ein unterbezahlter, gehetzter Logistikbote würde das Paket nicht auch mal an ein Kind ausliefern oder gelegentlich auf dem Balkon deponieren? Alles schon passiert, wie in Studien nachgewiesen wurde. Oder ist es realistisch zu glauben, ein Medikamentenabhängiger würde sich nicht auf einfache Weise im Internet größere Mengen seines Suchtstoffes besorgen können? Mehrere Packungen bei mehreren Herstellern zur gleichen Zeit bestellen ist einfach. Zwar werden hohe Bestellmengen meist „gedeckelt“. Doch immer werden einige Packungen geliefert.

 

Der Staat nimmt seine Sorgfalts­pflicht nicht wahr. Der Kampf gegen Arzneimittelmissbrauch – ein Lippenbekenntnis. Wie der Staat blendet auch der FAZ-Artikel diese Gefahren aus. Man hätte auch gerne gelesen, dass der Versand von Medikamenten für Menschen erlaubt, das Versenden von Tierarzneimitteln jedoch in einem wichtigen Bereich verboten ist. Warum? Weil der unkontrollierte Versand von Tierarzneimitteln zu einer Überdosierung von Medikamenten bei Tieren führen könnte, die für den menschlichen Verzehr bestimmt sind. Da also, beim Versand von Tierarzneimitteln, sieht der Staat Gefahren. Nicht so bei Arzneimitteln für den Menschen. Allgemeiner Verbraucherschutz vor individuellem Gesundheitsschutz? Nicht zu begreifen.

 

Redakteur Becker schreibt in seinem Artikel in der FAZ auch die Geschichte des Ursprungs des Arzneimittelversandhandels neu: „Kurz nach der Jahrtausendwende brach das Internet ein ins Apothekerwesen, erste Versandapotheken ließen sich die Rezepte ihrer Kunden mit der Post zusenden und schickten ihnen dann die Pillen“. Das hört sich an, als hätten die Apotheken damals die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Das ist Unsinn.

 

Es war nicht das Internet, das über die Apotheken hereinbrach. Es war die damalige SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Ohne Not führte sie die gesetzlichen Grundlagen für den Versandhandel mit Medikamenten ein. Von den 28 Staaten der Europäischen Union halten aber bis heute 21 Länder an einem Verbot des Arzneimittelversands fest. Warum wohl? Weil ihnen Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung wichtiger sind als eine Pseudoliberalisierung, die viele ihrer Apotheken und damit die Versorgungssicherheit gefährden würde. Wer über jede Form von Liberalisierung jubelt, auch wenn die Folgen negativ sind, hat nicht zu Ende gedacht.

 

Nicht zu Ende gedacht – das gilt auch für Gesundheitsminister Spahn. Seine Analyse der Folgen des Versandhandels endet bei den Apotheken. Die nerven ihn mit ihren Forderungen nach einem Verbot des Arzneimittelversands. Die existenz­bedrohenden finanziellen Folgen für die Apotheken will er ein bisschen abmildern. Natürlich mit Geld – sein „Plan B“. Damit will Spahn zudecken, was er an Lösungen für die strukturellen Probleme in der flächendeckenden Akutversorgung mit Arzneimitteln in Deutschland nicht bieten will oder kann.

 

Genau dies ist in der erbittert geführten Kontroverse immer wieder das große Ärgernis. Ob in den Medien oder in den politischen Parteien – immer verengt sich die Diskussion um ein Verbot des Versandhandels  auf Sekundärbegriffe wie „Liberalisierung“ oder „Digitalisierung“. Die haben oberste Priorität in der Auseinandersetzung. Doch was sind Liberalisierung und Digitalisierung wert, wenn die Versorgungssicherheit der Bevölkerung mit Arzneimitteln im akuten Krankheitsfall auf dem Spiel steht? Wer die falschen Fragen stellt, kriegt falsche Antworten.

 

Die richtige Frage ist die nach den Folgen eines weiterhin unbegrenzt expandierenden Arzneimittelversands für die Bevölkerung. Die Uhr tickt. Weil alle 38 Stunden eine Apotheke irgendwo in Deutschland schließen muss, verschlechtert sich tendenziell auch alle 38 Stunden die Möglichkeit einer schnellen Versorgung im akuten Krankheitsfall. Aber Tag für Tag brauchen etwa vier Millionen Menschen eine Apotheke. Auch Patienten sind Verbraucher. Es kann sozialpolitisch eigentlich nicht gewollt sein, dass die Zahl der Apotheken sinkt. Dass die Versorgungswege länger werden. Dass die Patienten im akuten Krankheitsfall größeren Gefahren durch weitere Entfernungen ausgesetzt sind. Besonders in der Nacht.

 

Deshalb sah „Plan A" anders aus: „Um die Apotheken vor Ort zu stärken, setzen wir uns für ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ein“. Soweit der Text des Koalitionsvertrages. Doch wer ist „wir“? Gesundheitsminister Spahn setzt sich jedenfalls nicht dafür ein. Er setzt sich vielmehr über diese Grundlage des Koalitionsvertrages hinweg. Warum tut er das?

 

Es gibt noch mehr Ungereimtes in Spahns zögerlicher Politik. Das gehört zu seinem Gesamtpaket für die Apotheken. Heute beträgt der Anteil der rezeptpflichtigen Medikamente  im Versandhandel bereits 1 % vom Gesamtumsatz der Apotheken. Doch sei ein Verbot des Arzneimittelversands europarechtlich fragwürdig und juristisch kaum durchzusetzen. Sagt Spahn. Wenn der Anteil aber auf 5 % gestiegen sein würde, dann würde er etwas unternehmen. Was denn? Den Versandhandel dann doch verbieten? Das kann er jetzt schon. Zumindest nach einem Gutachten des angesehenen ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo di Fabio.

 

Stattdessen droht Spahn den Apotheken. Sollten sie seinen „Plan B“ nicht akzeptieren, will er die angedachten finanziellen Zuwendungen für die Apotheken streichen. Diese Drohung „Erpressung“ zu nennen verbietet sich aus Respekt vor dem Amt eines Gesundheitsministers. Das nennt man Politik.

 

Das alles hätte man gerne in dem Artikel der FAZ vom 10. Januar 2019 gelesen.

Kommentar: Grün oder nicht grün – das ist hier die Frage

Die Grünen stehen zurzeit gut da. Aber sie müssen aufpassen. Das gilt nicht nur für Botschaften über Twitter. In einer hatte vor kurzem der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck versprochen, Thüringen zu einem demokratischen Land zu machen. Die Thüringer waren der Meinung, sie seien schon demokratisch. Was ja stimmt. Über Habeck brach ein Shitstorm herein.

 

In der Frage des Versandhandels von rezeptpflichtigen Arzneimitteln sind die Grünen hundertprozentig gegen ein Verbot. Die Millionen Päckchen, die durch die Republik gekarrt werden, stören sie offensichtlich nicht. Verpackungsmüll? Verkehrsbelastung? CO2? Stickoxide? Feinstaubbelastung? Alles nicht so schlimm?

 

Die Grünen müssen aufpassen. Irgendwann wird der Wähler sie fragen, ob sie es mit dem Umweltschutz wirklich ernst meinen.