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27.3.2017

Aller Anfang ist schwer

Der neue Chef der DAK heißt Andreas Storm. CDU-Politiker, studierter Volkswirt, aber ohne Erfahrung im Management eines Großunternehmens. „Comeback eines Pechvogels“ titelte die Tageszeitung „Berliner Tagesspiegel“ am 7. Juli 2016 bei der Meldung über den neuen ersten Mann der DAK.

 

„Pechvogel“ bezog sich auf die Tatsache, dass Storm im Laufe seines politischen Be­rufslebens immer mal wieder zur falschen Zeit am falschen Ort war. So verlor er 2009 sein Bundestagsmandat, das er seit 1994 innehatte. Gleichzeitig auch den Job als Parla­mentarischer Staatssekretär im Bildungsministerium. Aufgefangen wurde er drei Monate später als beamteter Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium. Aber nur für zwei Jahre. 2011 wechselte er ins Saarland. Da wurde er Chef der Staatskanzlei und Minister für Bundesangelegenheiten. Ab 2012 dann saarländischer Gesundheitsminister. Aber nur bis 2014. Dann war nach einer Kabinettsumbildung kein Platz mehr für ihn. Jetzt die DAK.

 

Zum 1. Januar 2017 hat er den Vorstandsvorsitz von seinem Vorgänger, Prof. Dr. h.c. Herbert Rebscher, übernommen. Der hinterlässt ihm ein schweres Erbe. Zugegeben – die DAK mit ihren 14 000 Mitarbeitern hat es nicht leicht. Die Krankenkassen haben eine geradezu dramatische Strukturveränderung hinter sich. Im Jahre 1992 gab es noch 1 223 Krankenkassen. Zehn Jahre später waren es nur noch 355. Aktuell sind es noch 113, mit weiterhin fallender Tendenz. Die DAK ist eine von den übriggebliebenen. Und nicht die gesündeste.

 

Ende 2015 sah es fast so aus, als sei auch die DAK am Ende. In den Medien war die Rede von „Pleite“. Damals musste der ehemalige Vorstandsvorsitzende Rebscher öffentlich dementieren. Doch es war schon klar, dass die DAK eigentlich ein Sanierungsfall war. Und Sanierungen kosten Arbeitsplätze. 15 Prozent aller Mitarbeiter sollen bis 2018 die DAK verlassen. Auch Schließungen von Geschäftsstellen sind möglich.

 

Dabei war die DAK einmal die grundsolide Krankenkasse der Angestellten. Wer erstmalig einen Job als Auszubildender oder Angestellter in Büro oder Verwaltung antrat, wurde vom Personalbüro sanft in die DAK bugsiert. Da blieb man dann sein ganzes Berufsleben lang Mitglied. Aber das war einmal.

 

Heute heißt die DAK nicht mehr „Deutsche Angestellten Krankenkasse“, sondern „DAK Gesundheit“. Doch auch wenn Gesundheit das höchste Gut ist, immer noch ist eine Krankenkasse für die Kranken da. Die brauchen Krankenhäuser, Ärzte, Hilfsmittel, Medi­kamente, Beratung und Betreuung. Für Letzteres sind die Apotheken vor Ort zuständig. Aber das sieht die DAK seit langem nicht mehr so.

 

Mit den Beiträgen rauf, mit den Leistungen runter, und möglichst viel „Zoff“ mit den Apotheken. So könnte man die Politik der DAK in den letzten zehn Jahren umschreiben. Geholfen hat ihr das nichts – im Gegenteil.

 

Mit einem Beitragssatz von 16,1 Prozent ist die DAK heute unter den großen die teuerste gesetzliche Krankenkasse. Schon bei Erhöhung der Zusatzbeiträge in der Vergangenheit kam es immer wieder zu massenhaften Kündigungen. So verwundert es nicht, dass die Mitgliederentwicklung seit Jahren negativ ist. Alleine im Jahre 2016 nahmen knapp 200 000 Mitglieder der DAK ihr Sonderkündigungsrecht wahr und wechselten in günstigere Kassen.

 

Ob dieser dramatische Mitgliederschwund alleine an der Erhöhung des Beitragssatzes zum 1. Januar 2016 liegt, ist allerdings fraglich. Andere Kassen mussten auch ihre Beiträge erhöhen, wenn auch nicht so stark. Zum Beispiel die Techniker Krankenkasse. Doch deren Mitgliederzahlen stiegen in den Jahren 2013 bis 2015 von 6,1 über 6,5 auf 6,9 Millionen.

 

Kein Zweifel – die DAK leidet auch an einem Imageproblem. Und das ist hausgemacht. Einerseits beruft die Kasse sich darauf, ihre Rentabilitätssorgen resultierten aus der Tatsache, dass sie besonders viele ältere und kranke Versicherte in ihrem Mitgliederbestand habe. Die seien teurer. Andererseits verprellt sie gerade diese Klientel mit einer miserablen Leistungs­politik. „Knausern bei Hilfsmitteln, klotzen bei Wellnessreisen“ hieß es im Februar 2016 in einer Unterzeile des Ersten Deutschen Fernsehens zu einer Sendung über Inkonti­nenzver­sorgung in Deutschland. Darin kam die DAK besonders schlecht weg.

 

Gerade ältere Versicherte leiden häufig an Inkontinenz. Also müsste die DAK hier für ihre vielen Versicherten ganz besondere Leistungen erbringen. Genau das Gegenteil ist der Fall. In den Apotheken, wo die Leistungen der verschiedenen Kassen im Inkontinenzbereich im täglichen Umgang mit den Patienten verglichen werden können, kennt man die Klagen der DAK-Versicherten.

 

Das liegt auch daran, dass die DAK das Ausschreibungssystem nicht begriffen hat. Wenn eine Kasse einen Versorgungsauftrag statt an mehrere an ein einziges Unternehmen vergibt, nur weil dieses das billigste Angebot abgegeben hat, dann zeigt sie, dass ihr die Klagen der Kranken über miserable Qualitäten oder hohe Aufzahlungen gleichgültig sind. Hauptsache billig. Aber wer vor lauter Eurozeichen in diesem komplexen Gesundheitsmarkt die eigentlichen Kunden, die Patienten, aus dem Blick verliert, der verliert auch den Markt. Denn immer noch entscheidet der Versicherte letzten Endes, wo er sich gut aufgehoben fühlt.

 

Dabei würde ein Blick ins Internet hilfreich sein. Gerade für die DAK. Dort wimmelt es von Klagen über deren miserable Inkontinenzversorgung. Wie kann die auch nur annähernd akzeptabel sein, wenn die DAK mit 12,50 Euro die niedrigsten Monatspauschalen aller Kassen zahlt. Selbst die Bildzeitung warf der Kasse vor, sie spare mit ihren Verträgen an den Senioren. Reaktion? Gleich null.

 

Doch das sind beileibe nicht die einzigen Blüten, die der Sparwahn der DAK treibt. Im Jahre 2015 verschickte die Kasse tausende Fragebögen an pflegebedürftige Versicherte, um sie dazu zu animieren, Freunde und Nachbarn zu nennen, die kostenlose Pflegeleistungen übernehmen könnten. Um so die DAK zu entlasten. Das Bundesversicherungsamt als Auf­sichtsbehörde und die Bundesdatenschutzbeauftragte waren jedenfalls „not amused“. Die Aktion musste eingestellt werden.

  

Spielt es bei so vielen Problemen da noch eine Rolle, dass die DAK auch bei den Apo­theken Reizthema Nummer 1 ist? Grund sind die verhassten Retaxationen. Bei einer Retaxation verweigert die Kasse dem Apotheker die Bezahlung für ein Rezept, entweder teilweise oder sogar ganz. Bis vor kurzem war selbst ein einziger Formfehler auf dem Rezept, meist durch den ausstellenden Arzt verursacht, für eine Retaxation ausreichend. Wenn dann der Apotheker in der Hektik des Alltags den winzigen Fehler übersah, konnte es im schlimmsten Fall zu der gefürchteten „Null-Retaxation“ kommen. Dabei muss der Apotheker für den Betrag aus der Rezeptvergütung komplett einstehen. In anderen europäischen Ländern wie zum Beispiel Österreich ist das undenkbar.

 

Nicht, dass die DAK die einzige Kasse gewesen wäre, die diese Form des modernen Wegelagerertums betrieben hätte. Aber sie war die Kasse, die es zur höchsten Perfektion gebracht hat. Rechtlich ist den Kassen bei einer Retaxation zwar nichts vorzuwerfen. Doch inzwischen wurde es selbst dem Gesetzgeber zu viel. Er zwang Kassen und Apotheken vor ein Schiedsgericht. Jetzt gibt es einen neuen Rahmenvertrag. Doch auch da gibt es inter­pretationsfähige Schwachstellen. „DAK bleibt harter Retax-Linie treu“ titelte die Online-Ausgabe des Fachmagazins Deutsche Apotheker Zeitung (DAZ) im August 2016. Den Apotheken bleibt der Frust.

 

Und jetzt? Mit einem neuen Vorstandsvorsitzenden ein neuer Anfang? Das Verhältnis zu Patienten und Apotheken in Ordnung bringen? Teils/teils. Einerseits schreibt die DAK auf ihrer Webseite: „Storm macht die Kundenbedürfnisse und eine hohe Qualität in der medi­zinischen Versorgung zum Maßstab seines unternehmerischen Handelns“. Wenn Storm bei der Inkontinenz anfangen würde, wäre das ein Segen für die Patienten. Und das Image der DAK würde wieder aufpoliert. Aber noch ist nichts passiert.

 

Andererseits – was das Verhältnis zu den Apotheken anbetrifft, sieht alles nach einem Fehlstart aus. Denn schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit stellte sich Storm aktiv auf die Seite derer, die gegen ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln sind. Und damit auch auf die Seite derer, denen eine dauerhafte flächendeckende Versorgung der immer älter werdenden Bevölkerung durch die Vor-Ort-Apotheken ziemlich egal ist. Zugunsten von ein paar Rabattjägern und einer Handvoll Versandunternehmen. Ein Schnell­schuss. So sieht kein Neuanfang aus.

 

„Machen wir Politik über den Tag hinaus!“. Neben dem Bild eines jugendlich-dynamisch wirkenden Andreas Storm auf seinem CDU-Wahlplakat von 1994 war es dieses Motto, mit dem er damals in den Bundestag gewählt wurde.

 

Es wäre gut, sich daran zu erinnern. Noch sind die ersten 100 Tage nicht vorbei.

Kommentar: Europa oder Trump?

Wenn Europa werden und wachsen und in Sicherheit leben will, braucht es Einigkeit, Zusammenhalt, Vertrauen. Der neue amerikanische Präsident Donald Trump, Aufreger der letzten Monate, setzt auf das Gegenteil – verbal und aktiv. Mit absehbaren katastrophalen Folgen.

 

Wenn eine älter werdende Gesellschaft gesund und sicher leben will, braucht das Gesund­heitswesen Einigkeit, Zusammenhalt, Vertrauen. Doch die Trumps dieser Republik halten dagegen. Bundesländer gegen Krankenhäuser, Krankenkassen gegen Ärzte und Apotheker, die Politik gegen Arzneimittelhersteller. Mit absehbaren katastrophalen Folgen. Nicht lieferbare Antibiotika sind nur den Anfang.

 

Der Patient sieht staunend und zunehmend verbittert zu.