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27.5.2018

Schmerz, lass nach?

Mit Beratung gegen den Arzneimittelmissbrauch

Apothekensterben, Versandhandelsverbot, Medikamentenmissbrauch, Was hat der ehemalige Parteivorsitzende der SPD, Sigmar Gabriel, mit all dem zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Gesundheitsminister war er nie. Er war Wirtschaftsminister, Außenminister und Vizekanzler. Das war noch in der alten Regierung. Erst auf den zweiten Blick – den Blick zurück auf seine konkrete Arbeit in der damaligen Koalition – werden Versäumnisse sichtbar.

 

Im Bundestag ist Sigmar Gabriel (SPD) jetzt nur noch ein ganz normaler Abgeordneter. Doch das gibt Freiheiten. Und die nutzt er. So in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung „Berliner Tagesspiegel“ vom 9. April 2018. Eigentlich war der Beitrag als Kritik an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) konzipiert. Der hatte in einem Interview mit der Tageszeitung „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) unter anderem einen „Kontrollverlust“ des Staates und einen Mangel an innerer Sicherheit in Deutschland beklagt.

 

Gabriel, frei jeglicher Parteiräson, gab sich denn auch erstaunlich offen. "Wenn 20 Prozent der deutschen Gemeinden weder eine Schule, einen Hausarzt, eine Apotheke noch einen Laden oder auch nur eine Bushaltestelle haben, dann gehört das für die dort noch lebenden Menschen auch zum Staatsversagen", schrieb er. "Kein Wunder also, wenn ganze Landstriche die AfD zur stärksten politischen Kraft machen, weil nach Finanzamt, Amtsgericht, geburtshilflicher Abteilung nun auch das ganze Krankenhaus geschlossen werden soll." Wie wahr.

 

Was Gabriel ausblendet, ist seine persönliche Mitverantwortung an dieser Entwicklung. Unvergessen sein Verhalten im Koalitionsausschuss der letzten Regierung. Dort hatte er die Möglichkeit, aktiv das Ausbluten der Infrastruktur in deutschen Gemeinden zu stoppen. Es ging um das Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln. Das hätte die Position der Apotheken in den leerlaufenden Regionen der Bundesrepublik gestärkt. Die CDU war dafür. Die Mehrheit der Bundesländer auch. Doch Gabriel hielt dagegen. Gegen ihn und die von ihm gecoachte SPD kam das Verbot nicht durch.

 

Die neue Regierung will einen neuen Anlauf nehmen. Ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln ist im Koalitionsvertrag festgelegt. Das ist gut und richtig. Zuständig dafür ist Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Der muss nun einen juristisch haltbaren Gesetzentwurf vorlegen, dem auch das SPD-geführte Justizministerium zustimmen kann.

 

Die vorwiegend in Holland ansässigen Versandhandelsfirmen machen inzwischen gegen ein Verbot mobil. Immerhin hat der Schweizer Zur-Rose-Konzern mit seiner holländischen Versandhandelstochter DocMorris im Jahr 2017 als Nettoergebnis einen Verlust von 36,3 Millionen Franken ausweisen müssen. Das holländische Parlament jedenfalls wurde aufgeschreckt. Und verabschiedete umgehend eine Resolution gegen ein deutsches Versandhandelsverbot. 1 100 Arbeitsplätze seien in Gefahr.

 

Doch das ist lächerlich. Erstens liegt der Hauptumsatz der Versender im verschreibungsfreien Sektor. Der ist nicht betroffen. Und zweitens fallen  in Deutschland jedes Jahr 3 000 Arbeitsplätze weg, weil 300 Apotheken aufgeben müssen. Ohne dass es die Politik bisher gekümmert hätte. Doch nicht nur deshalb ist ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln nach wie vor zwingend geboten. Es gibt noch einen zweiten Grund für ein Verbot: die auch in Deutschland massiv steigende Tendenz zum Medikamentenmissbrauch.

 

„Arzneimittelmissbrauch“ war da­her auch das viel beachtete The­ma eines Symposiums der Bundesapothekerkammer (BAK) im März 2018 in Berlin. Dabei ging es nicht nur um die bekannten Produkte mit hohem Abhängigkeits- oder Missbrauchspotenzial wie Schlafmittel, Tranquilizer, Hustenblocker, Aufputschmittel und nicht rezeptpflichtige Schmerzmittel. Thema war auch der starke Anstieg  der Verschreibungen opioidhaltiger Schmerzmittel. Die gehören in der  Regel zur Gruppe der Betäubungsmittel. Der Begriff „Opioide“ bedeutet „dem Opium ähnlich“. Darunter werden Substanzen mit morphiumähnlichen Wirkungen zusammengefasst. Die wirksamsten von ihnen – wie Fentanyl – sollen nur bei stärksten Schmerzen, zum Beispiel in Folge von Tumorerkrankungen, eingesetzt werden. Doch längst werden sie auch für anderweitige Schmerzprofile verschrieben.

 

"Deutschland droht Opioid-Krise" titelte denn auch das Branchenmagazin "apotheke adhoc". Doch ob opioidhaltige Schmerzmittel oder nicht-Opioide – bei vielen gängigen Schmerzmitteln ist die Gefahr der Abhängigkeit oder des Missbrauchs hoch. Auf 1,4 bis 1,5 Millionen wird aktuell die Zahl der insgesamt von Medikamenten Abhängigen geschätzt. Je nach Wirkstoff kann eine Gewöhnung eintreten und die Wirkung lässt damit nach. Dann neigt  der von Schmerzen Geplagte dazu, die Dosis zu erhöhen. Mit schlimmen Folgen für die Gesundheit. Und bei höherer Dosis auch immer mit der Gefahr einer Überdosis.

 

Deutschland muss aufpassen. Was sich in den USA schon zu einer Staatskrise entwickelt hat, ist auch in Deutschland zu einem Problem geworden, das sich nicht mehr wegdiskutieren lässt. Prof. Dr. Christoph Stein, Direktor der Klinik für Anästhesiologie an der Charité Berlin, ließ auf dem Symposium der Bundesapothekerkammer jedenfalls keinen Zweifel daran, dass wir auf dem besten Wege sind, im Verbrauch von opioidhaltigen Schmerzmitteln mit den USA gleich-zuziehen.

 

Was die Politik dagegen tun kann? Zum einen muss sie die Rolle der öffentlichen Apotheken vor Ort stärken. Sie haben am ehesten die Möglichkeit, einen Arzneimittelmissbrauch festzustellen, umfassend zu beraten und für den richtigen Umgang mit dem Arzneimittel zu sensibilisieren – „von Angesicht zu Angesicht“ mit dem Kunden oder Patienten. Sei es, weil der Konsument seit langem in der Apotheke bekannt ist, sei es, weil er eben unbekannt ist und Schmerzmittel verlangt oder ein entsprechendes Rezept vorlegt. Schon durch die Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) ist pharmazeutisches Personal zur Beratung verpflichtet. Konkret heißt es in § 17, Absatz 8 der ApBetrO: „Das pharmazeutische Personal hat einem erkennbaren Arzneimittelmissbrauch in geeigneter Weise entgegenzutreten. Bei begründetem Verdacht auf Missbrauch ist die Abgabe zu verweigern.“

 

Können das die Versandapotheken leisten? Nein. Aus diesem Grund ist der Versand von Betäubungsmitteln über den Arzneimittelversandhandel auch verboten. Jedoch gibt es zahl-reiche weitere Wirkstoffe, die ein Missbrauchspotenzial bergen, z. B. Zopiclon, das bei Schlafstörungen verschrieben wird und nur über einen kurzen Zeitraum eingenommen werden darf.

 

Und haben alle Versender in den deutschen Markt, gleich in welchem Land, die gleichen gesetzlichen Auflagen wie die der Apothekenbetriebsordnung? Im Dezember 2017 wurden katastrophale Ergebnisse eines Tests von 50 Versandapotheken durch die belgische Verbraucherschutzorganisation „Test-Achats“ bekannt. 38 von ihnen schickten ohne weiteres zehn Packungen eines abschwellenden Nasensprays, obwohl bekannt ist, dass je nach enthaltenem Wirkstoff Nasensprays süchtig machen können.

 

Ob Kampf gegen verödende Landstriche, die Sicherung einer ordnungsgemäßen Arzneimittelversorgung der Bevölkerung oder eine nachhaltige Verhinderung von Arzneimittelmissbrauch durch persönliche Beratung vor Ort – alles spricht für ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln.

 

Packen wir’s an.

 

Kommentar: Nicht sehen wollen, was zu sehen ist

„Vom französischen Philosophen Alain Finkielkraut ist eine gute Definition von‚ 'politischer Korrektheit' überliefert: Nicht sehen wollen, was zu sehen ist.“ Sigmar Gabriel, Ex-Vizekanzler, Ex-Minister, Ex-Vorsitzender der SPD, beginnt mit diesem Satz seinen Gastkommentar in der Tageszeitung „Berliner Tagesspiegel“ vom 9. April 2018.

 

Nicht sehen wollen, was zu sehen ist? Das scheint nicht nur eine treffliche Definition von „politischer Korrektheit“ zu sein. Es handelt sich auch um eine weit verbreitete Angewohnheit unter Politikern.

 

Wie anders ist es sonst zu erklären, dass der verlustträchtige Angriff kapitalstarker ausländischer Versandhandelskonzerne auf die bewährte deutsche Apothekenstruktur zu keinem schnellen Handeln seitens der Politik führt?