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13.11.2018

Wir Umweltsünder

Wie wir unsere Umwelt zerstören, obwohl wir vorgeben, sie zu lieben

 

 

„Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen.“ Der römische Dichter Ovid soll diese Wahrheit irgendwann vor zweitausend Jahren mit einem Griffel in eine Wachstafel eingeritzt haben. Ein Satz mit ewiger Gültigkeit. Doch es gibt einen Haken. Der deutsche Dramatiker Emil Gött hat ihn vor hundert Jahren so formuliert: „Welch Unglück, dass das gute Gewissen ein sanftes Ruhekissen ist. Solch Komfort lockt die Tugend, reichlich oft zu schlafen.“

 

Haben wir, was unsere Umwelt anbetrifft, ein gutes Gewissen?  Das kann man wohl sagen. Wir sind zwar kein Fußballweltmeister mehr, aber Weltmeister im Trennen unseres Mülls. Der wird zu 80 Prozent „recycelt“, also wiederverwertet. Das erzählt uns das Bundesumweltministerium. Doch das stimmt nicht. Gemessen wird die Menge, die in die Recyclinganlagen hineingeht. Was rauskommt und wirklich wiederverwertet wird, ist nur ein Bruchteil davon. Das meiste geht in die Müllverbrennung. „Das deutsche Recycling-Märchen“ überschrieb die Süddeutsche Zeitung am 11. Mai 2017 denn auch ihre Reportage über den zweifelhaften Müll-Kreislauf.

 

Doch auch aus einem anderen Grund dürfen wir in punkto Mülltrennung kein gutes Gewissen haben. Weil wir nur zu gerne glauben, dass aller Müll wiederverwertet wird, schmeißen wir auch immer mehr weg. Obwohl immer noch die Vermeidung von Müll als erfolgreichste Strategie zum Schutz der Umwelt gilt. Andere Länder machen uns das vor. Holland oder England haben in den letzten zwanzig Jahren die Müllmengen pro Kopf verringert. Deutschland hat sie deutlich erhöht. „Deutschland ist Verpackungsmüll-Europameister“ titelte das Magazin ZEIT ONLINE am 26. Juli 2018. Statt Mülltrennungsweltmeister also Verpackungsmüll-Europameister? Welch eine Blamage.

 

Aber wegen der „Energiewende“ müssen wir doch wenigstens ein echt gutes Gewissen haben? Schließlich haben wir schon viele Kohlekraftwerke stillgelegt. Für die letzten Atomkraftwerke ist auch bald Schluß. Wir schaffen auch die Stromerzeugung aus Braunkohle ab. Für ein Ende der Braunkohleförderung haben schließlich viele tausend engagierte Bürger demonstriert. Mit Protestmärschen gegen die Abholzung des Hambacher Forstes durch das Energieunternehmen RWE. Die Abholzung war eigentlich von den Grünen im Verein mit dem Koalitionspartner SPD im Jahre 2016 beschlossen worden, als sie noch in NRW regierten.

 

Doch jetzt sind andere Zeiten. Jetzt ist die Zeit der Windräder, der Solar­tech­nik, der Biogasanlagen. Immerhin stammten im Jahre 2017 laut Bundeswirtschaftsministerium schon 33,3 Prozent der Bruttostromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Ein Drittel – das ist ein hoher Wert. Da müssen wir doch ein gutes Gewissen haben. Oder etwa nicht?

 

Experten warnen. Wird die Stromerzeugung aus anderen Energieträgern zu stark zurückgefahren, machen wir uns bei Wetterkrisen abhängig von anderen Ländern. Denn besonders am Anfang eines Jahres gibt es nicht selten wochenlange „Dunkelflauten“. Die Sonne verbirgt sich hinter Wolken und kein Lüftchen regt sich. Demnach kein Strom aus Photovoltaik. Und alle Windräder stehen auch still. Also Strom aus anderen Ländern zukaufen. Strom aus alten Kernkraftwerken in Tschechien, Frankreich oder Belgien. Die halten wir damit am Leben. Mit gutem Gewissen?

 

Doch was ist mit den Diesel-Fahrverboten? In den sozialen Netzwerken kursiert eine kuriose Landkarte. Alle Erdteile, alle Länder komplett weiß. Mit einem einzigen winzigen roten Pünktchen in der Mitte Europas. „Weltkarte der Dieselfahrverbote“ steht darunter. Unnötig zu sagen, dass mit dem roten Pünktchen Deutschland gemeint ist. Aber ganz korrekt ist das nicht. Einige europäische Städte haben inzwischen Umweltzonen, in denen begrenzte Dieselfahrverbote herrschen. Wer es genau wissen will, kann beim ADAC nachfragen.

 

Und doch – auch hier ist ein gutes Gewissen kein sanftes Ruhekissen. Die Hafenstadt Hamburg ist ein Paradebeispiel dafür. Hamburg hat das Befahren einzelner Straßenabschnitte der Stadt mit bestimmten Typen von Dieselfahrzeugen verboten. Das ist lobenswert. Doch direkt daneben dürfen im Hafen die imposanten Kreuzfahrtschiffe anlegen. Die verbrennen auch während der Liegezeit superschmutziges Schweröl. Damit belasten sie das Mikroklima der Stadt in unzumutbarer Weise. Billiges Schweröl ist der Haupttreibstoff der weltweiten Schifffahrt. Darum ist die Schifffahrt auch einer der größten Umweltverschmutzer. 15 Prozent der weltweiten Stickoxid- und 13 Prozent der Schwefeldioxidemissionen gehen auf ihr Konto.

 

Aber ungerührt macht fast jeden zweiten Tag so ein riesiges Kreuzfahrtschiff im Hamburger Hafen fest. 146 Kreuzfahrtschiffe waren es alleine im Jahr 2015. Mit 613 532 ein- und aussteigenden Passagieren. Das sind die letzten genauen Zahlen, die veröffentlicht wurden. Inzwischen dürften es noch viel mehr Passagiere sein. Die bringen Geld in die Stadt. Deshalb wagt man sich an Kreuzfahrtschiffe nicht heran. Mit dieselfahrenden Bürgern hat man es da leichter.

 

Überhaupt – die Sache mit den Kreuzfahrtschiffen. Kaum eine Woche, in der nicht weltweit ein neues Kreuzfahrtschiff vom Stapel läuft. Fast sieben Millionen Passagiere aus Europa genossen im Jahre 2017 das grandiose Erlebnis einer Kreuzfahrt. Darunter 2,9 Millionen aus Deutschland. 2018 wird mit einem weiteren tüchtigen Anstieg gerechnet. Wohin die Fahrt geht? Dahin, wo wir immer schon hinwollten. Ins nördliche Polarmeer, nach Spitzbergen, nach Grönland, in die Antarktis. Dort bewegen sich die Ozeanriesen bald so eng

getaktet hintereinander wie die Bergsteiger am Mount Everest. Und so sorgen wir Erlebnishungrigen mit dafür, dass auch die letzten Paradiese ihren dicken Anteil an der Verschmutzung des Meeres und der Luft hautnah mitbekommen.

 

Immerhin – was wir nicht wissen, macht uns auch kein schlechtes Gewissen. Aber selbst wenn man uns bei einer Mittelmeerkreuzfahrt noch an Bord wahrheitsgemäß darauf hinweisen würde, dass Venedig durch 25 Millionen Touristen im Jahr und den Wellenschlag der täglich in die Lagune einfahrenden Kreuzfahrtschiffe dauerhaft Schaden nehmen wird, wir würden auf den grandiosen Anblick des Markusplatzes aus turmhoher Schiffsperspektive nicht verzichten wollen. Und in die Altstadt strömen würden wir auch.

 

Sollen wir auch noch über das Fliegen reden? Da kann nun wirklich keiner der vielen Millionen Urlauber, die fröhlich und erwartungsvoll ins Flugzeug steigen, ein gutes Gewissen haben. „Mit einem Urlaubsflug nach Teneriffa wird das Klima ähnlich stark geschädigt wie durch ein Jahr Autofahren“. Das sagt der NABU Naturschutzbund Deutschland e. V. auf seiner Webseite. Das Bundesumweltamt rechnet ähnlich. „Fliegen ist die umweltschädlichste Art, sich fortzubewegen. Ein Flug von Deutschland auf die Malediven und zurück (...) verursacht pro Person eine Klimawirkung von über fünf Tonnen CO2. Mit einem Mittelklassewagen können Sie dafür mehr als 30 000 km fahren.“

 

Aber CO2 ist ja nicht alles. Eine Milliarde Fluggäste pro Jahr sorgen zusätzlich auch noch mit Stickoxiden, Aerosolen und Wasserdampf für eine tüchtige Erderwärmung. Und alles  dafür, dass Fliegen billig bleibt und für jeden erschwinglich. „Alles inklusive“. Die Branche rechnet mit hohen Wachstumsraten. Auch wenn die Klimakillerwerte weiter steigen –  fünf Millionen Deutsche fliegen auch dieses Jahr wieder nach Mallorca. Und fünf Millionen in die Türkei. Und wohin die vielen anderen? Da muss denn wohl doch die dritte Startbahn gebaut werden.

 

Aber – kompensieren wir das nicht alles durch unseren engagierten Umweltschutz vor Ort? Zum Beispiel im Reich der Tiere? Wir begleiten Kröten auf ihrer gefährlichen Wanderung. Wir verhindern oder verzögern den Bau von Autobahnen, Brücken, Umgehungsstrassen, Wohnsiedlungen durch die Rettung von Feldhamstern, Gelbbauchunken, Kammmolchen, Kleinen Hufnasen und Wachtelkönigen. Wir belegen das Töten seltener Wespen mit einer Geldstrafe von 50.000 €. Und wir sorgen dafür, dass der Wolf sich wieder ungehindert bei uns ausbreiten kann. Darauf sind wir stolz.

 

Und natürlich kümmern wir uns auch um die Heimat. Auch die ist Umwelt. In manchen Bundesländern haben wir jetzt einen Heimatminister. Der soll dafür sorgen, dass die Heimat lebens- und liebenswert bleibt. Oder wieder wird. Denn manches ist schon dahin. Verwaiste Arztpraxen, geleerte Schwimmbäder, verödete Einzelhandelsgeschäfte, geschlossene Apotheken. Einkaufen im Internet ist schließlich bequemer.

 

Wie war das mit dem guten Gewissen und dem sanften Ruhekissen? Das sanfte Ruhekissen sorgt mit seinem Komfort dafür, dass die Tugend reichlich oft schläft. Wer schläft, sieht nichts. Auch nicht die eigentlichen Probleme. Hauptsache – ein gutes Gewissen.

 

Wir Umweltsünder.

Kommentar: Auf zu großem Fuß?

Jeder Mensch auf der Welt hat einen ökologischen Fußabdruck. Sagt die Umweltschutzorganisation „World Wildlife Fund“ (WWF). Sie meint damit, wie viel von den begrenzten Ressourcen der Erde man persönlich verbraucht – bei der Nahrung, beim Wohnen, beim Verkehr, beim Konsum. Und für welche Menge des dabei entstehenden schädlichen Klimagases CO2 man die Verantwortung trägt.

 

Seinen persönlichen CO2-Fußabdruck kann man ganz leicht herausfinden. Der WWF und andere Umweltorganisationen haben dafür einen „Fußabdruckrechner“ ins Netz gestellt (www.wwf.de/themen-projekte/klima-energie/wwf-klimarechner). Ein paar Minuten Zeit opfern, einige Fragen zur Lebensführung wahrheitsgemäß beantworten, dann kommt der Schock.

 

Oder wären Sie nicht schockiert, wenn die Auswertung Ihnen sagt, dass Sie auf zu großem Fuß leben? Dass bei Ihren Lebens- und Verbrauchsgewohnheiten, auf alle Menschen übertragen, die Ressourcen von vier oder fünf Planeten nötig wären?

 

Wir haben nur diese eine Erde.