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20.2.2018

Wie viele Apotheken sind wirklich nötig? Alle.

Das „Einkaufserlebnis“ – gibt es das wirklich noch?

Die Stadtentwickler in den Verwaltungen unserer Städte versuchen tatkräftig, uns davon zu überzeugen. Mit kostenlosem Parken und Werbung. „Meine Einkaufsstadt“. Doch finden wir in den Innenstädten das ultimative Einkaufserlebnis? Ob Kleinstadt oder Großstadt – nicht selten Kettenläden, Telefonläden, Friseurläden, leere Läden. Und  dazwischen eine Apotheke. Die bringt mit ihrem roten „Apotheken-A“ wenigstens etwas Farbe ins Einerlei.

 

Einkaufsstraßen in Deutschland sind heute alle gleich. Von wegen „Erlebnis“. Vor Jahrzehnten war das anders. Da bemühten sich Kaufmannsfamilien noch persönlich um jeden einzelnen Kunden. Mit Stolz auf eine langjährige Tradition. Doch die Zeit ist darüber hinweggegangen. Und Einkaufsgewohnheiten ändern sich. Oder werden geändert. Mal schleichend, mal abrupt. Die gleichen Kommunen, die heute für ihre Einkaufsstraßen werben müssen, forcierten auch die Ansiedlung von großen Einkaufszentren außerhalb der Innenstädte. Die florierten. Und zogen Einkaufskraft aus den Ladenstraßen ab.

 

Harte Konkurrenz für die Einzelhändler gab es allerdings auch vorher schon. Große Kaufhaus-Konzerne hatten sich schon vor vielen Jahrzehnten in den Innenstädten angesiedelt. Und den Einzelhandelsgeschäften das Leben schwer gemacht. Ironie der Geschichte – den großen Kaufhäusern geht es heute auch schlecht. Leere Gänge, keine Beratung, ausgedünntes Personal. Und trotzdem hohe Verluste.

 

Denn wieder hat sich das Einkaufsverhalten geändert. Das Internet bietet alle Produkte, bunte Bilder, ausgeklügelte Bestellprogramme und eine ausgefeilte Logistik. Und sorgt gleichzeitig für die gefährliche Sammlung aller relevanten Daten über uns und unser Einkaufsverhalten. Aber das ist uns egal. Gemütlich ist es, am regnerischen Wochenende zu­hause im Internet einkaufen zu gehen. Beratung? Braucht man nicht. Wenn’s nicht passt oder nicht gefällt – zurückschicken. Ein weiterer Schlag für die Innenstädte? Natürlich. Nur dass es jetzt die Kaufhäuser und Kettenläden trifft.

 

Und was ist mit den Apotheken? Denn auch sie verlieren kräftig Umsätze an die Internet-Arzneimittelversender. Diese gehören zumeist großen Konzernen und sitzen jenseits der deutschen Grenzen. Trotzdem werden sie von den meisten politischen Parteien gehätschelt. Aus einem verqueren pseudoliberalen, pseudomodernen Verständnis heraus. Bei den gesetzlichen Krankenkassen ist das nicht anders. Auch die sind für Versandapotheken, doch aus anderen Gründen. Sie wittern neue Einnahmequellen. Wenn schon Arzneimittelversand, dann sollen nicht die Endverbraucher, sondern die Kassen selbst Boni oder Rabatte einstreichen dürfen.

 

Was wegbrechende Umsätze für die meisten Apotheken bedeuten, ist klar. Ob auf dem Land, in Klein- und Mittelstädten oder in der Großstadt, ob Einkaufsstraße oder Vorstadt – immer mehr Apotheken müssen aufgeben. Gab es im Jahre 2000 noch knapp 21 600 Apotheken, werden es Ende des Jahres wohl weniger als 19 600 sein. Zweitausend Apotheken werden dann „wegrationalisiert“ sein. Und der Trend weist weiter nach unten.

 

Dabei sind Apotheken, im Gegensatz zu Telefonläden und Modekettenfilialen, nicht austauschbar. Und erst recht nicht verzichtbar. Denn Apotheken nehmen, über die ordnungsgemäße Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln hinaus, eine eminent wichtige gesamtgesellschaftliche Funktion wahr. Auch wenn das die Verfechter eines Medikamenten-Fernhandels leugnen. Sie verengen den Blick auf die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln auf eine rein ökonomische Sicht für den Einzelfall. Doch das ist nicht zielführend.

 

Der gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Bedeutung der Apotheke wird diese Sichtweise nicht gerecht. Die Apotheke ist seit jeher ein wichtiger Teil des Gesundheitswesens. Und das weist seine Besonderheiten auf. Anders als der Konsumsektor ist es auf vielfältige Weise in ein System persönlicher, psychischer und sozialer Kontakte und Verpflichtungen eingebunden. Wer krank ist, spürt das. Und er spürt auch die Defizite, die stärker als von rein menschlichen von ökonomischen Aspekten beeinflusst werden. Wo? Im Krankenhaus, beim Arzt, in der Apotheke, in der Reha, zuhause bei Inkontinenzprodukten.

 

Für Heilung und Linderung einer Krankheit spielen psychosoziale Faktoren eine herausragende Rolle. Aufklärung, Beratung, Hilfe, Vertrauen, Sicherheit, menschliche Zuwendung. Was nützen Rabattverträge der Kassen mit Arzneimittelherstellern dem Kranken, wenn nicht die Apotheke ihn überzeugt, dass die Wirkung der (wieder einmal) neuen, anders geformten und gefärbten Tabletten die gleiche ist wie die der gewohnten? Wie wichtig ist für Eltern die Sicherheit, in der Notdienst-Apotheke auch nachts und sofort Rat und Medikamente für ihr krankes Kind zu bekommen?

 

Das bedeutet nicht, dass für den Gesundheitssektor ökonomische Grundsätze tabu sind. Doch gleiches Gewicht müssen die psychosozialen Faktoren haben. Den Krankenkassen  ist das ein Dorn im Auge. Sie treten für die Schließung „unrentabler“ Krankenhäuser ebenso ein wie für das Ausdünnen der angeblich zu dichten Apotheken­landschaft. 

 

Doch was für ein Fehler, Krankenhäuser zu schließen, weil sie angeblich „unrentabel“ sind. „Unrentabel“ sind sie deshalb, weil die Länder seit Jahren ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, die Investitionen zu finanzieren. Deshalb müssen die Kliniken die Anschaffungen und Renovierungen aus den laufenden Einnahmen finanzieren. Das wiederum erfordert Kosteneinsparungen an anderer Stelle. Wo? Natürlich im Personalsektor. Langjährig tätige Krankenschwestern und -pfleger wissen um die personellen und pflegerischen Probleme – nicht nur im Nachtdienst.

 

Hinzu kommt – die Gesellschaft wird immer älter. Und lebt länger. Wer länger lebt, wird öfter krank. Man ist nicht mehr so mobil. Die Kinder wohnen weiter weg. Unstreitig zwar die bessere Qualität von Operationen in spezialisierten Zentren, wo die gleichen Eingriffe öfter gemacht werden. Doch unstreitig auch, dass Notfalleinlieferungen wesentlich länger dauern. Bei akuten Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten kann das schlecht ausgehen. Da zählt jede Minute.

 

Und die Apotheken – droht wirklich jeder zweiten das Aus? Das jedenfalls bestätigt ein Gutachten, das vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) vor rund einem Jahr in Auftrag gegeben wurde. Kurz vor Weihnachten wurde es veröffentlicht. Eine „Bescherung“ der besonderen Art für die Apotheken. Denn neben einer Analyse der besonders gefährdeten mehr als 7 000 deutschen Apotheken enthielt das Gutachten auch den Vorschlag, die Zuschläge für die Beratung und Abgabe der Arzneimittelpackungen zu kürzen. Um eine Milliarde Euro. Das würde dann wirklich das schnelle und endgültige Aus für zahlreiche Apotheken besiegeln.

 

Der AOK Baden-Württemberg geht das immer noch nicht schnell genug. Ihr neuester Vorschlag: Hand an die bestehende Arzneimittelverordnung zu legen. Die legt fest, dass von Berchtesgaden bis Flensburg in jeder Apotheke die gleichen Preise für rezeptpflichtige Arzneimittel gelten. Für den gesetzlich Versicherten wie für den privat Versicherten. In gesundheitlich ruhigen Zeiten wie während einer Epidemie. Ein gerechtes System. So will es der Gesetzgeber.

 

Die AOK Baden-Württemberg schlägt nun ein Höchstpreissystem für verschreibungspflichtige Arzneimittel vor. Jede Apotheke soll jeden Preis unterbieten dürfen. Das würde zum ruinösen Wettbewerb und zum schnellen Kollaps zahlreicher Apotheken in den Städten führen. Die würden dann aufs Land gehen und neue Apo­theken gründen. Und damit die Versorgungsengpässe dort verringern. Naiver geht’s nicht. Alle wirtschaftlichen und psychologischen Folgen einer Apothekenschließung ausgeblendet. Oder nur bewusste Provokation?

 

Das letzte Wort hat die Politik. Sie wird allerdings auch in den nächsten zwei, drei Monaten noch sprachlos sein. Denn so schwierig wie nach der letzten Bundestagswahl im September 2017 war die Regierungsbildung noch nie. Ob es letzten Endes eine stabile „GROKO“ sein wird, steht heute noch in den Sternen. Wünschenswert wäre sie. Die diesmal erstaunlich professionellen Gespräche der drei Parteien CDU, SPD und CSU lassen hoffen.

 

Ein zarter heller Streifen an einem sonst grauen Apothekenhimmel? Für die ordnungsgemäße und flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln findet sich in den schriftlichen Vereinbarungen aus den Sondierungsgesprächen ein Hoffnungsschimmer. „Zu einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung gehört für uns neben einer gut erreichbaren ärztlichen Versorgung auch eine wohnortnahe Geburtshilfe, Hebammen und Apotheken vor Ort.“

 

Doch Papier ist geduldig.

Kommentar: Fehlentwicklungen korrigieren!

Fehlentwicklungen aufgrund falscher politischer Entscheidungen sind so selten nicht.

 

In der Bildungspolitik etwa war es das Abitur nach acht Jahren (G8), das die CSU in Bayern die Mehrheit kostete, in der Finanzpolitik der hemmungslose Ankauf von Anleihen wirtschaftlich schwacher Mitgliedsstaaten durch die Europäische Zentralbank, in der Klimapolitik der irre teure Ausbau von Wind- und Sonnenkraft ohne Stromnetze und in der Gesundheitspolitik die gesetzliche Zulassung des Versandhandels mit Arzneimitteln.

 

Bis Fehlentwicklungen erkannt werden, braucht es seine Zeit. Bis sie korrigiert werden, braucht es noch länger. Aber manchmal gibt es Hoffnung. Die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren (G9) ist nicht mehr aufzuhalten.

 

Höchste Zeit auch für die Gesundheitspolitik, den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln wieder zu verbieten.