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26.7.2017

„Digital“ oder menschlich?

Video-Doktor oder Hausarzt? Die Digitalisierung schreitet fort. Wohin?

 

Nur noch wenige Wochen bis zur Bundestagswahl. Dann werden die politischen Karten neu gemischt. Neu? Vielleicht dann, wenn CDU/CSU und FDP zusammen von den Wählern eine regierungsfähige Mehrheit erhalten. Wie in Nordrhein-Westfalen. Doch klappt das auch bei der Bundestagswahl? Zwei Schwalben in NRW und Schleswig-Holstein machen schließlich noch keinen FDP-Sommer im Bund. Doch die Aussichten sind nicht schlecht.

 

Schlecht sind sie für die SPD. Die Partei schwächelt. Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender Martin Schulz (SPD) ist selbst schuld. Zuviel heiße Luft in seinen Wahlkampfreden und zu wenige konkrete Aussagen. Und keine Demonstration von Gestaltungswillen. Unvergessen sein Schweigen im Koalitionsausschuss Ende März. Da ging es um seine Zustimmung zum Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln wieder zu verbieten. Ein Verbot, das längst überfällig ist.

 

Schulz schwieg und brachte damit das Verbot endgültig zu Fall – zumindest für diese Legislaturperiode. Der auf seinen Wahlkampfreisen unermüdliche Verteidiger eines vielfältigen Mittelstandes konnte oder wollte sich gegen Justizminister Heiko Maas (SPD) und Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) nicht durchsetzen. Die hatten schon vorher ihre Zustimmung verweigert und den Internethandel verteidigt. Zypries zudem mit der kühnen Behauptung, durch den Versandhandel mit Arzneimitteln würden keine Apotheken sterben. Die realen Zahlen der Apothekenschließungen beweisen das Gegenteil.

 

Wirtschaftsministerin Zypries tritt zur nächsten Bundestagswahl nicht mehr an. Wohl deshalb hatte sie keine Scheu, sich auch noch ein zweites Mal mit dem Bundesgesundheitsminister anzulegen. Und zwar auf seinem ureigensten Gebiet, der Digitalisierung im Gesundheitswesen. In einem „Neun-Eckpunkte-Papier“ monierte sie Anfang Juni, das Gesundheitswesen in Deutschland erwirtschafte etwa 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und sei damit einer der größten deutschen Wirtschaftssektoren, doch das Tempo der Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft lasse zu wünschen übrig.

 

Nun ist das mit dem Tempo so eine Sache. Manchmal ist hohes Tempo gut, manchmal eher nicht. Immerhin – dass die Digitalisierung ziemlich temporeich unser Leben verändert hat, spürt inzwischen jeder. Oder sind die zahllosen, über ihr Handy gebeugten Köpfe auf der Straße, im Wartezimmer, auf dem Schulhof, in der Bahn, selbst im Restaurant, noch zu übersehen? Oder die Kids, die mit leichter Hand ihre Tablets bedienen? Oder Donald Trumps Twitter-Ergüsse, die in Sekundenschnelle rund um die Welt von Millionen Lesern konsumiert werden?

 

Mit hohem Tempo hat sich auch die Industrie der „digitalen Revolution“ verschrieben. Darauf weist Wirtschaftsministerin Zypries in ihrem Eckpunktepapier zu Recht hin. Und nimmt dabei auch die industrielle Gesundheitswirtschaft nicht aus, „wo hochinnovative Produkte zur Behandlung, Diagnose und Therapie entwickelt werden“, wie sie im Vorwort schreibt.

 

Dann aber konzentriert sich Zypries ganz auf Kleinteiliges. Denn „kreative Start-ups“ seien mit zahlreichen innovativen Ideen und Geschäftsmodellen in dieser Branche unterwegs. Aber „schwierig und dornenreich“ sei der Zugang zum Gesundheitsmarkt. Für kleine, junge Unternehmen und digitale Start-ups seien die Eintrittsbarrieren zu hoch, der Marktzugang zu komplex. Deshalb hätten diese kleinen Firmen auch keinen Zugang zu Risikokapital. Innovative Ideen würden dadurch oft schon im Keim erstickt, meint die Ministerin.

 

Nun gelten diese Hemmnisse nicht nur für digitale Produkte, sondern auch für reale. Kein Wunder in einem Markt, der von zahllosen Gesetzen und abertausenden Verträgen getragen und beherrscht wird. Doch wie lassen sich solche Hemmnisse einigermaßen erträglich beseitigen? Natürlich mit Geld, meint Zypries. Dass die innovativen Start-up-Produkte auch einen Nachweis über Nutzen und Wirtschaftlichkeit erbringen müssen, stellt die Ministerin nicht infrage. Doch möchte sie für diese zeit- und kostenintensiven Prüfungen Fördergelder locker machen.

 

Mehr noch – sie wünscht sich „Experimentierräume“. Dort sollen „durch temporäre und lokal begrenzte Veränderungen von Regularien Innovationen ausprobiert werden können“. Was das genau heißen soll, bleibt nebulös. Sollen etwa die strengen Regeln für die Erstellung der klinischen Studien hier partiell aufgelöst werden? Um kleinen Start-ups den Weg in den Gesundheitsmarkt zu erleichtern? Das kann die Ministerin nicht ernst meinen.

 

Ernst meint Zypries es allerdings auch mit neuen Subventionen für Uni-Kliniken. An die sollen Fördergelder in Höhe von einer halben Milliarde Euro fließen. Damit sollen Investitionen in die digitale Infrastruktur gefördert werden. Damit werde eine „Standardisierung“ befördert, die wiederum kleinen Start-ups die Möglichkeit biete, „kompatible Anwendungen“ zu entwickeln. Das könnte zu Einsparungen führen.

 

Eher beiläufig kommt unter Punkt 8 des Eckpunktepapiers die Forderung nach „Erleichterungen für telemedizinische Anwendungen“ daher. Was „telemedizinische Anwendungen“ sind? Nichts anderes als die Abschaffung des persönlichen Kontaktes zwischen Arzt und Patient. Was das bedeutet? Es soll in Zukunft möglich sein, mit seinem (oder einem) Arzt auch digital, per Video, zu kommunizieren, statt ihn in seiner Praxis aufzusuchen.  

 

Vorteile für solch eine digitale Medizin lassen sich immer finden. Oder erfinden. Der Arzt kann sich vielleicht einen Teil der Hausbesuche ersparen. Die Wartezimmer sind nicht mehr so voll. Und der Patient kann sich den Weg in die Praxis ersparen. Das kann von Vorteil sein, wenn er bettlägerig ist. Oder auf dem Lande die Wege sehr weit sind. Und wenn schon digitale Medizin, dann auch Verschreibung von Rezepten online. Warum das Rezept noch abholen?

 

Beides ist in Deutschland noch verboten. Es gibt das „Fernbehandlungsverbot“ und das „Fernverschreibungsverbot“. Die beiden Verbote sollen sicherstellen, dass immer ein persönlicher Kontakt zwischen Arzt und Patient stattfindet, bevor eine Diagnose gestellt und ein Rezept ausgestellt wird. Diese Notwendigkeit der unmittelbaren Behandlung des Patienten durch einen Arzt ist in der ärztlichen Berufsordnung festgeschrieben.

 

Genau dies möchte Wirtschaftsministerin Zypries ändern. Und beruft sich dabei auf das Bundesland Baden-Württemberg. Dort hat die Landesärztekammer beschlossen, an einem Modellprojekt des Sozial- und Integrationsministers Manne Lucha (Grüne) teilzunehmen. Das sieht die Möglichkeit zur digitalen Fernbehandlung ohne persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient vor. Dazu musste die ärztliche Berufsordnung des Landes geändert werden. Nicht alle Ärzte waren damit einverstanden.

 

Schafft sich so elegant ein ganzer Berufsstand ab? Immerhin entfällt ja bei einer Fernbehandlung jeder lokale und persönliche Bezug. Der behandelnde Arzt kann auch im benachbarten Ausland vor seinem Videogerät sitzen. Oder in einem Callcenter in Indien. Aus Gründen der Kostenersparnis. Die wird er dann natürlich zum Teil den Krankenkassen überlassen müssen. Aber die werden begeistert sein und alles tun, um die Fernbehandlung der persönlichen Behandlung durch den Arzt vorzuziehen. Nur weil sie billiger ist. Natürlich ist das Zukunftsmusik. Denn dazu müssten Gesetze geändert werden. Insbesondere die Selbstverwaltung der Ärzteschaft müsste abgeschafft werden. Unmöglich?

 

Alles schon mal dagewesen. Im Apothekenbereich fing es auch mit dem Argument der Politik an, neue digitale Absatzstrukturen für Arzneimittel seien unvermeidbar. Die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) erlaubte im Jahre 2004 den Versandhandel mit Arzneimitteln. Und läutete so die Schließung von bisher 1 500 Apotheken ein, vorwiegend auf dem Lande. Und stärkte damit ausländische Großkonzerne. Und auch hier hofieren die Krankenkassen mit ihrem Widerstand gegen ein Verbot die ausländischen Versandapotheken zu Lasten der Apotheken um die Ecke. 

 

Wenn aber die baden-württembergischen Ärzte schon meinen, die digitale Fernbehandlung sei eine tolle Sache, dann ist ein Damm­bruch unvermeidlich. Es sei denn, der Modellversuch würde scheitern. Es sei denn, man würde feststellen, dass heilen immer noch etwas mit persönlicher Nähe zu tun hat. Mit Reden und Zuhören von Angesicht zu Angesicht. Mit Menschlichkeit. Und mit Zuwendung. Wer will leugnen, dass persönliche Zuwendung auch ein Teil des Heilungsprozesses ist?

 

Und was ist, wenn der Patient nicht mitspielt? Wenn er partout nicht anrufen will? Auch dafür gibt es die übliche Lösung: Geld. Wenn der Patient einen Bonus für die Inanspruchnahme des ausländischen Telearztes bekommt, wird er schon mitmachen. Zumindest der typische Schnäppchenjäger. Die dauerhafte Zerstörung der ärztlichen Struktur in Deutschland muss ihn nicht stören.

 

Die hätten dann ja die Ärzte selbst beschlossen.

Kommentar: „Olé!“

Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) frontal angegriffen. Die Digitalisierung in seinem Ressort Gesundheitswesen laufe viel zu langsam, monierte sie in einem Eckpunktepapier.

 

Hermann Gröhe reagierte wie ein Torero, der den Stier elegant an sich vorbeistürmen lässt. Auf einer Podiumsdiskussion der Berliner Tageszeitung „Tagesspiegel“ konterte er, er freue sich, dass das Bundeswirtschaftsministerium zwei Jahre nach Einführung des E-Health-Gesetzes die Bedeutung der Digitalisierung im Gesundheitswesen erkenne. Außerdem hätte er Frau Zypries gerne mitgebracht. Das Wissen der vielen Fachexperten hier vor Ort hätte auch ihrem Papier gut getan.

 

Olé!