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28.8.2016

Chronisch krank?

Warum Sie einen „Medikationsplan“ brauchen

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) arbeitet unauffällig. Ganz im Sinne der Bundeskanzlerin. Nur keinen Streit mit den Ärzten, den Krankenhäusern, den Apothekern, der Pharmaindustrie, den Krankenkassen, den Pflegeeinrichtungen. In Zeiten rot-grüner oder schwarz-gelber Regierungen war das anders. Da konnte eine miserable Gesundheitspolitik durchaus Wahlen entscheiden. Und den Bruch von Koalitionen besiegeln. Oder das (vorläufige) Ende der FDP im Bundestag.

 

Nicht, dass die jetzige Gesundheitspolitik entscheidend besser wäre. Die Krankenhäuser haben noch immer kein Geld für Investitionen, auf dem Land fehlen weiterhin die Ärzte, Pharmahersteller liefern ihre Produkte in Länder, in denen bessere Preise winken, die Reform der Ausbildung für pflegende Berufe ist höchst umstritten, und die Krankenkassen tanzen dem Bundesgesundheitsminister auf der Nase herum. Zu erkennen etwa an der Art und Weise, wie sie die gesetzlich gewollte Verbesserung der Versorgung von Inkontinenzkranken geradezu konterkarieren. Freche Senkung der Versorgungspauschalen statt dringend notwendiger Erhöhung.

 

Es gibt allerdings auch Gebiete, in denen es vorwärts zu gehen scheint. Zum 1. Januar 2016 ist das „E-Health-Gesetz“ in Kraft getreten. Der Begriff „E-Health“ kommt aus dem Englischen. „E“ steht für „electronic“, „health“ bedeutet „Gesundheit“. Frei übersetzt bedeutet der Begriff soviel wie „Gesundheit unter Nutzung der elektronischen Datenverarbeitung“.

 

Wichtigste Voraussetzung ist dabei die Speicherung von Gesundheitsdaten auf einem geeigneten Medium in Größe einer Bankkarte – der elektronischen Gesundheitskarte. Die gibt es schon. Seit dem 1. Januar 2015 können die siebzig Millionen gesetzlich Ver­sicherter nur mit dieser Karte die Leistungen ihrer jeweiligen Krankenkasse in Anspruch nehmen. Doch die Möglichkeiten einer effektiven Nutzung waren bisher begrenzt.

 

Dabei liegt der Vorteil einer solchen elektronischen Gesundheitskarte auf der Hand. Würden alle gesundheitlichen Daten eines Patienten, seine Krankheiten, seine Allergien, seine ärztlichen Behandlungen, die verschriebenen Arzneimittel und die der Selbstmedikation, seine Krankenhausaufenthalte und alle Diagnosen auf seiner Gesundheitskarte gespeichert und ständig aktualisiert, wäre für den Patienten die höchstmögliche Sicherheit gegeben, dass es bei einem neuen Krankheitsfall nicht zu Behandlungsfehlern kommt.

 

Weitere Vorteile würde zudem die digitale Vernetzung der am Gesundheitswesen Beteiligten bringen. Dann würde die Speicherung der Daten durch die Geschwindigkeit einer elektronischen Übertragung noch ergänzt. Bundesgesundheitsminister Gröhe drückt auch hier aufs Tempo. Dennoch sei nur eine schrittweise Umsetzung möglich. Immerhin handele es sich um das weltweit größte laufende IT-Projekt – so Gröhe.

 

Bei der Umsetzung nimmt der Gesundheitsminister den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) als zentrales Entscheidungsgremium der Selbstverwaltung in die Pflicht. Bis Ende 2018 soll die elektronische Patientenakte Realität sein. Aber schon ab Oktober 2016 hat jeder gesetzlich Versicherte, sofern er die Voraussetzungen erfüllt, einen rechtlichen An­spruch auf einen „Medikationsplan“, allerdings zunächst nur auf Papier. Der Plan enthält – vorausgesetzt, er wird lückenlos geführt und immer wieder aktualisiert – alle für den Patienten relevanten Informationen zu seinen Medikamenten, ihren Einnahmemodalitäten und ihren Wechselwirkungen.

 

Nimmt ein chronisch kranker Patient drei oder mehr rezeptpflichtige Arzneimittel pro Tag ein, steht ihm dieser Medikationsplan zu. Kritiker halten die Mindestgröße von drei gleichzeitig eingenommenen Arzneimitteln für zu niedrig. Zu viele Versicherte hätten dann Anspruch auf einen solchen Medikationsplan. Das wäre mit erheblichem Verwaltungs­auf­wand und hohen Kosten verbunden. Sie plädieren für eine Mindestgröße von fünf gleichzeitig eingenommenen Präparaten. Doch die „Drei“ steht im Gesetz.

 

Am Sinn eines Medikationsplans für chronisch Kranke ist nicht zu zweifeln. Die Gesellschaft wird immer älter. Damit steigt auch die Zahl der chronisch Kranken. Und mit steigendem Alter nimmt die Gefahr von Vergesslichkeit, Verwirrtheit bis hin zur Demenz für den einzelnen zu. Hinzu kommt die Unsicherheit durch das „Arzneimittel-Hopping“ der Krankenkassen. Darunter versteht man die Ausschreibungen von Wirkstoffen durch die Kassen. Der Arzneimittelhersteller mit dem billigsten Angebot  bekommt den Zuschlag für einen bestimmten Zeitraum. Gewinnt bei der nächsten Ausschreibung ein anderer Hersteller, muss der Patient sich an eine neue Packung und Tabletten anderer Größe, Farbe und Teilbarkeit gewöhnen.

 

Der oftmalige Wechsel gewohnter Arzneimittel überfordert manchen Kranken. Die Folgen durch Unsicherheit können gravierend sein. Sie reichen von unregelmäßiger Ein­nahme über falsche Mengen bis zur völligen Verweigerung. Die Auswirkungen – etwa Einweisungen ins Krankenhaus – sind nicht bezifferbar, weil seriöse Forschungen zu diesem Thema fehlen. Selbst wenn es sie gäbe: Kaum vorstellbar, dass das Ausschreibungsunwesen wieder abgeschafft würde.

 

Ein Medikationsplan würde aber auch auf einem weiteren Gebiet Sicherheit bringen. Jedes Medikament kann Nebenwirkungen haben. Der einzelne Patient wird selten mehrere oder alle Nebenwirkungen spüren, aber manchmal eine gravierende. Die würde im Medi­kationsplan vermerkt, sodass bei weiteren Verschreibungen andere Medikamente ausprobiert werden könnten.

 

Das gleiche gilt für Wechselwirkungen zweier Arzneimittel. Vertragen sich zwei Medi­kamente nicht, können die Folgen für den Kranken dramatisch sein. „Immer noch sterben in Deutschland zu viele Menschen durch unerwünschte Wechselwirkungen“, heißt es auf der Website des Bundesgesundheitsministeriums. Durch einen gut geführten Medika­tionsplan können die Wechselwirkungen dokumentiert, wenn nicht gar vermieden werden. Das kann Menschenleben retten.

 

Als erste Anlaufstelle für die Ausarbeitung eines Medikationsplans bestimmt das E-Health-Gesetz den Hausarzt. Er soll den Versicherten auf seinen Anspruch hinweisen und zusammen mit ihm den ersten Medikationsplan erstellen.

 

„Apotheker sind von Anfang an einbezogen und bei Änderungen der Medikation auf Wunsch des Versicherten zur Aktualisierung verpflichtet“. So steht es zu lesen in einer Veröffentlichung des Gesundheitsministers. Demnach soll der Apotheker den Medikations­plan ergänzen und permanent überwachen. Etwa durch die Eintragung von nicht rezept­pflichtigen Arzneimitteln, die der Patient im Rahmen der Selbstmedikation regelmäßig einnimmt. Oder durch die Dokumentation von ständig aktualisierten Checks auf Arznei­mittelrisiken bei Änderungen der Medikation.

 

Doch das E-Health-Gesetz hat auch gravierende Fehler. So soll der Patient das Recht haben, einzelne Medikamente nicht eintragen zu lassen. Damit verliert der Medikationsplan aber seinen Sinn. Denn er kann seine Stärken nur geltend machen, wenn alle Medikamente permanent aktualisiert und auf Risiken hin gecheckt werden.

 

Das gilt auch für die Arzneimittel im Rahmen der Selbstmedikation. Auch verschrei­bungsfreie Produkte (OTC) können Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Medi­kamenten aufweisen. Deshalb fordert Friedemann Schmidt, Präsident der ABDA – Bundes­vereinigung Deutscher Apothekerverbände, dass die Patienten dazu verpflichtet werden, alle Medikamente in den Medikationsplan aufzunehmen.

 

Schützt die Nichtaufnahme einzelner Arzneimittel in den Medikationsplan den Arzneimittelversandhandel vor einem sonst drohenden Umsatzverlust? Nicht aus­zuschließen. Fehlen bestimmte Arzneimittel, traut sich der Versicherte leichter in „seine Apotheke“. Denn welcher chronisch kranke Patient geht mit seinem Medikationsplan in die Apotheke „um die Ecke“, um ihn aktualisieren zu lassen, wenn dieser Plan Medikamente enthält, die der Versicherte in dieser Apotheke nie kauft? Nur – wenn wichtige Arzneimittel fehlen, was macht eine Aktualisierung dann noch für einen Sinn? Fazit: Nur ein Verbot des Arzneimittelversandhandels würde dieses Problem lösen.

 

Auf jeden Fall kostet die Pflicht zur Erstellung und Pflege von Medikationsplänen für 20 Millionen chronisch Kranker viel Geld. So viele Anspruchsberechtigte hat das Wissen­schaftliche Institut der AOK errechnet. Zeit- und Verwaltungsaufwand für Ärzte und Apo­theker werden enorm sein. Den müssten die Krankenkassen bezahlen. Zurzeit verhandeln sie mit den Ärzten über die Höhe des Honorars für die Erstellung eines Medikationsplans.

 

Bei seinem enormen Druck aufs Tempo hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe auf diesem Gebiet allerdings geschludert – wohl mit Absicht.

 

Ein Honorar für die gesetzlich festgelegte Pflicht des Apothekers zur Prüfung, Pflege und Ak­tualisierung des Medikationsplans ist – im Gegensatz zum Arzt – nämlich nicht vorgesehen.

Kommentar: Gesundheit contra Datenschutz?

Eine lückenlos geführte elektronische Gesundheitsakte ist ohne Zweifel ein Fortschritt. Erkrankt der Versicherte oder erleidet er einen Unfall, sind seine Risiken aus Vorerkran­kungen, Unverträglichkeiten oder der Arzneimitteleinnahme auf der elektronischen Gesundheitskarte für den Arzt sichtbar. Die Behandlung wird sicherer.

 

Andererseits gibt es keine sensibleren Informationen über einen Versicherten als seine Gesundheitsdaten. Arbeitgeber, Unternehmen, Versicherungen – sie alle könnten hoch interessiert an diesen Daten sein.

 

Das E-Health-Gesetz scheint diese Gefahr zu berücksichtigen. Die Daten auf der Karte werden zweifach verschlüsselt. Einen Schlüssel, eine PIN, hat der Versicherte, den anderen haben nur „berechtigte Leistungserbringer“. Missbrauch ist strafbar.

 

Der Versicherte kann ab 2019 aber auch ein elektronisches „Patientenfach“ beantragen. Darin kann er auch seine Gesundheitsdaten speichern lassen. Und über die kann er dann alleine verfügen.

 

Wie steht es dann um die Datensicherheit?