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24.9.2017

Die Getriebenen

SPD und Grüne contra Apotheken – ein Trauerspiel  

Die Apotheke hilft. Seit fast achthundert Jahren. Genauer – seit dem Jahre 1241. Da erließ  der Stauferkaiser Friedrich II, der auch König von Sizilien war, eine ebenso weise wie weitsichtige Verfügung. Im „Edikt von Salerno“ ordnete er an, dass die Berufe Arzt und Apotheker von nun an getrennt werden sollten. Kein Arzt sollte mehr eine Apotheke besitzen dürfen. Oder daran beteiligt sein. Damit sollten die ständigen Interessenskonflikte ein Ende haben. Schluss mit der Abgabe von Arzneimitteln durch den Arzt, an denen er selbst verdiente.

 

Gleichzeitig verfügte Kaiser Friedrich für die Apotheke auch die Festlegung der Arzneimittelpreise.  Kein Patient sollte übervorteilt werden. Auch dies eine kluge Entscheidung. Kein Wunder, dass man seine Verfügungen im Laufe der Zeit in ganz Europa zur Grundlage der Apothekengesetzgebung machte. In den meisten Staaten der Europäischen Union gelten sie fast unverändert bis heute.

 

In Deutschland gelten sie nicht mehr. Die einheitliche Preisfestsetzung für rezeptpflichtige Arzneimittel ist heute bei uns praktisch ausgehebelt. Schuld daran ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) vom Oktober 2016. Das erlaubte aus Wettbewerbsgründen ausländischen Versandapotheken, die deutsche Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente zu unterlaufen. Das hat weitreichende negative Folgen für die flächendeckende Versorgungssicherheit der Bevölkerung mit Arzneimitteln, Gesundheitsprodukten und Beratungsleistungen vor Ort.

 

„Übeltäter“ ist aber nicht der EuGH, sondern die Zulassung des Versandhandels mit Arzneimitteln. Deutschland ist eines der wenigen Länder in der EU, in denen er ohne Einschränkungen gilt. Mit fatalen Folgen. Denn einige wenige große Arzneimittelversender, zumeist jenseits der Grenzen, ziehen erhebliche Umsätze aus den deutschen Apotheken ab. Und tragen so zu einer wachsenden Unrentabilität mittlerer und kleinerer Apotheken bei.

 

Unrentable Apotheken müssen schließen. Seit der Zulassung des Versandhandels im Jahre 2004 sind über 1 500 Apotheken aus dem Markt ausgeschieden. Das kann besonders auf dem Lande zu einem Problem werden. Die Bevölkerung dort wird älter und kränker, die Wege werden weiter, die Beratungsleistungen ausgedünnter, eine schnelle Versorgung mit lebenswichtigen Arzneimitteln problematischer.

 

Unrentable Arzneimittelversender müssen nicht schließen. Und unrentabel sind die meisten. Aber immer wieder finden sich Investoren, die Millionen Euro in diese Unternehmen einschießen. Zu ihrem Geschäftsmodell gehört die Spekulation auf „bessere Zeiten“. Die sind dann da, wenn den Apotheken so viel Umsatz zu Dumpingpreisen abgenommen worden ist, dass die Kosten endlich gedeckt werden. Wenn das nicht klappt, wird das ganze Unternehmen eben weiterverkauft. An einen neuen Spekulanten.

 

„DocMorris“ ist so ein Unternehmen, gehätschelt von der SPD und den Grünen. Beide Parteien haben nicht vergessen, dass es die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder war, die im Jahre 2004 den Versandhandel mit Arzneimitteln erlaubt hat. Doch anstatt die Fehler von damals offen einzugestehen, geschweige denn zu korrigieren, stehen sie in Nibelungentreue zu einem Unternehmen, das bis zum 6. Juli 2017 zweitausend Schweizer Ärzten gehörte. An diesem Tag ging das Mutterunternehmen mit dem schönen Namen „Zur Rose“ an die Börse. Satte 233 Millionen Schweizer Franken flossen in die Kasse.

 

Dass sich durch den Börsengang an den Besitzverhältnissen viel geändert hat, ist nicht zu erwarten. Die Schweizer Ärzte werden einen nicht geringen Anteil an den neuen Aktien der Zur Rose AG erworben haben. Sie sind damit weiterhin Mitinhaber des größten Arzneimittelversenders Europas mit Tochterunternehmen in Holland, Deutschland und Tschechien. Doch auf Dividende werden die Ärzte wie die anderen Aktionäre lange warten müssen.

 

„Was Zur Rose mit 200 Millionen in Deutschland vorhat“, titelte die führende deutschsprachige Tageszeitung der Schweiz, die Neue Züricher Zeitung. Und weiter: „Daher muss die Versandapotheke auf eine teure Expansionsstrategie setzen. Der US-Konzern Amazon hat gezeigt, wie ein Anbieter mit E-Commerce die stationäre Konkurrenz in die Knie zwingt“. Hallo? Die stationäre Konkurrenz in die Knie zwingen? Für DocMorris sind das die deutschen Apotheken!

 

Was sagt die Politik dazu, dass der Schweizer Konzern den deutschen Arzneimittelmarkt so aufmischen will? Verlustbringend natürlich. „Bereits in der zweiten Jahreshälfte rutschte Zur Rose in die roten Zahlen. Das dürfte noch einige Jahre so bleiben“, schreibt die Neue Züricher Zeitung dazu. Auf dem deutschen Apothekenmarkt, unverzichtbarer Teil der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung, soll sich ein Schweizer Konzern ungehindert den Umsatz aus den Apotheken zusammenkaufen dürfen? Da müssten doch zumindest bei den Gesundheitspolitikern aller Parteien die roten Lampen aufleuchten!

 

Bei der SPD und den Grünen leuchtet nichts. Die beiden Parteien sind Getriebene ihrer verfehlten Arzneimittelpolitik. Gemeinsam haben sie 2004 den Arzneimittelversand erlaubt, gemeinsam verteidigen sie ihn heute. Obwohl klar ist, dass ein Großkonzern den deutschen Apothekenmarkt in  die Knie zwingen will (und muss!), um Gewinne zu erwirtschaften. Obwohl die Apotheken auf dem Land und in strukturschwachen Gebieten als erste dran glauben müssen. Obwohl die Apotheken in Deutschland über 150 000 Arbeitsplätze stellen. Obwohl der Frauenanteil, Lieblingsthema der Grünen, fast 90 Prozent erreicht. Obwohl... Obwohl...

 

Den Vogel schoss indessen Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) ab. Sie war sich nicht zu schade, am Ende ihrer politischen Laufbahn – sie scheidet nach dieser Legislaturperiode aus dem Bundestag aus – demonstrativ den Arzneimittelversender DocMorris in Holland persönlich zu besuchen. Das kann nicht daran liegen, dass DocMorris im Jahre 2014 ein Sponsorenessen mit ihr als Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium finanzierte. Unterstellen wir vielmehr, dass die Ministerin wirklich an handfesten Erkenntnissen interessiert war.

 

Und? Rechtfertigen die Erkenntnisse aus den Gesprächen mit dem Schweizer Konzern die Provokation gegenüber den deutschen Apotheken? Denn als solche wurde ihr Besuch durchaus empfunden. „Die Belegschaft arbeitet motiviert und mit viel Engagement“, erklärte nach einer Meldung von DAZ online (Deutsche Apothekerzeitung) das Bundeswirtschaftsministerium. Neu und interessant ist diese Erkenntnis nicht. Das tun die über 150 000 Beschäftigten in den deutschen Apotheken auch.

 

Aber schlimmer geht immer. „Das Unternehmen geht mit seinem Geschäftsmodell mit der Zeit“, ließ die Ministerin auch erklären. Und: „Die Digitalisierung kann und wird auch  im Gesundheitsbereich durch Innovationen großen Nutzen für Patienten, Kunden und Unternehmen gleichermaßen stiften“. Letzteres mag stimmen, zumindest was die Übermittlung von Daten anbetrifft. Auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist.

 

Doch taugt, wie Zypries meint, das Geschäftsmodell von DocMorris wirklich als Muster für die digitale Wirtschaft? Ein kapitaler Denkfehler der Ministerin. Was sie übersieht (oder nicht sehen will), ist die Tatsache, dass „digital“ hier lediglich Teile des Bestellvorgangs (bei Weitem nicht alle) und der Weiterverarbeitung im Unternehmen sind. Sonst nichts. Das aber ist in den deutschen Apotheken längst Standard, sowohl zum Kunden hin als auch zum beliefernden Großhandel.

 

Am Ende der Bestellkette bei einem Arzneimittelversender steht immer das Packen von kleinen Päckchen. Und der umweltbelastende Transport. Der erfreut natürlich die Logistikunternehmen. Denn die Päckchen mit den einzelnen Arzneimitteln müssen mit tausenden Fahrzeugen hunderte Kilometer weit zum einzelnen Kunden transportiert werden. Was daran digital ist, erschließt sich wohl nur der Ministerin.

 

Wo sich die SPD für den Arzneimittelversand engagiert, wollen auch Grüne nicht zurückstehen. Das „Handelsblatt“ veröffentlichte einen Bericht über ein bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht publiziertes Gutachten, das die NOWEDA Apothekergenossenschaft und der Deutsche Apotheker Verlag gemeinsam bei renommierten Experten in Auftrag gegeben hatten. Das Gutachten beweist schlüssig, dass bei Beibehaltung des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln weitere tausend Apotheken aufgeben müssen. Genau diesen Beweis hatte der Europäische Gerichtshof gefordert, aber im Verfahren nicht erhalten. 

 

Das Handelsblatt lieferte auch gleich noch die grüne Meinung dazu. Cordula Schulz-Asche, Gesundheitspolitikerin bei den Grünen, zeigte musterhaft, wie Politik funktioniert. Das Fazit des Gutachtens, den möglichen Tod von tausend Apotheken, blendete sie aus. Aber eine Nebenbemerkung des Gutachtens, das es Apotheken mit höheren und Apotheken mit niedrigeren Einkommen gebe, regte sie so auf, dass sie wahrhaftig eine Umverteilung forderte. Solche Töne wären allenfalls von der Linken zu erwarten gewesen. Aber die sind gegen den Versandhandel und für die Vor-Ort-Apotheke.

Ob solche durchsichtigen politischen Manöver die Grünen retten?

Der Wähler wird entscheiden.

Kommentar: Grüne im Dilemma

Grüne wollen die Welt besser machen. Sie sind gegen Atomkraftwerke, gegen die Braunkohle, gegen die Steinkohle und gegen den vielen Autoverkehr. Sie sind für Windkraftanlagen, für Solarenergie, für Biogas und für Radwege.

 

Jetzt besetzen blinkende Windräder, höher als der Kölner Dom, jeden Horizont und schreddern unsere Vogelwelt, blankgeputzte Solaranlagen auf den Dächern verschandeln das Bild unserer Dörfer, und monotone Maisfelder für die Biogasanlagen besorgen das Artensterben. Das ist nicht Schuld der Grünen. Das wollten sie sicher auch nicht.

 

Aber die Grünen sind auch für den Versandhandel mit Arzneimitteln. Dafür müssen täglich tausende Päckchen mit Arzneimitteln in schnellen Autos umweltbelastend kreuz und quer durch die Republik gekarrt werden. Genau das wollen die Grünen.

 

Apotheken kann man gut zu Fuß erreichen. Oder mit dem Fahrrad. Oder mit dem Bus.

 

Wäre das nicht eigentlich die grüne Position?